27/11/2020

Beefheart, Fast'n'Bulbous und weltweite Rentenrevolution

Eine alte Forderung von mir besagt, dass jeder Künstler/Komponist für gelungene Leistungen auf seinem Gebiet eine lebenslange Rente beziehen solle, die ihm ab dem 55. Lebensjahr monatlich ausgezahlt werden würde. Rufus Wainwright z.B. müsste für den Song “Poses” nach meinen internen Berechnungen 244 US-Dollar monatlich bis an sein Lebensende einstreichen (zusätzlich zu seinen Tantiemen natürlich). Ein talentierter Künstler kann auf diese Weise ein hübsches Sümmchen zusammenbekommen – unabhängig, wie kommerziell erfolgreich er war. Der Durchschnittsbetrag, der sich aus allen honorierten Songs errechnen würde, läge bei ca. 2,21 Euro pro Monat. Die überwiegende Anzahl der Künstler geht natürlich aufgrund mangelnen Talents leer aus, aber das ist ja sonnenklar.

Don Van Vliet a.k.a. Captain Beefheart würde alleine für seinen zweiminütigen Instrumentaltrack “Evening Bell” 241 US-Dollar monatlich bis an sein Lebensende überwiesen bekommen. Ein aussergewöhnlicher Spitzenwert (zum Vergleich: der beste Song aller Zeiten – “I Am The Walrus” – bringt Paul McCartney nur 182 US-Dollar. Warum? Weil er sich die Komposition mit John Lennon teilt. Yoko Ono bekommt die Rente für Lennon-Kompositionen übrigens nicht. Nicht etwa weil sie Yoko Ono ist (für viele Zeitgenossen wäre das schon Grund genug, sie auszuschließen – für mich nicht), sondern weil die Rente mit dem Tod des Komponisten erlischt und nicht übertragbar ist – weder auf die Hinterbliebenen noch auf die Co-Autoren. Gary Lucas, der “Evening Bell”, diese einzigartig schöne und mit großem Sinn für Rhythmik und Fluss ausgestattete Beefheart-Komposition realisiert hat, bekäme immerhin noch 34 US-Dollar monatlich dafür. Wobei ich jetzt beim eigentlichen Thema angelangt bin:

Das von Gary Lucas und Philip Johnston initiierte Beefheart-Coverversionen-Projekt Fast’N’Bulbous und deren CD “Pork Chop Blue Around The Rind” ist leider eine Enttäuschung: Die Band macht einen Kardinalfehler, sie glaubt nämlich, dass Beefhearts Musik mit gekonnten Profi-Bläsern gewinnt. Das ist schon Beefhearts eigenem “Shiny Beast”-Album teilweise nicht bekommen, wenn die Bläser so zappaesk rummuckten. Hier werden dem Ganzen noch mehr Bläser zugemutet, die Beefhearts Gesangsparts – die oft so großartig in die Songs einfahren, als würden sie ihn nichts angehen – ersetzen und ihnen leider gleichzeitig den freien Charakter nehmen. Keine gute Idee. Ich meine, was ist denn ein Profibläser, der auf Zuruf Ornette Coleman-Figuren perfekt nachbläst, gegen Beefhearts freie, an Coleman angelehnte Tonfindung auf Musette, Saxophon und Klarinette? Nichts – oder zumindest zu wenig, um den Van Vlietschen kontrollierten Irrsinn einzufangen.

Ein anderes Missverständnis betrifft die Haltung, mit der diese schon älteren Musiker denken, auch äußerlich Beefheart repräsentieren zu müssen. Dieses betulich Schräge, so Grimassen schneiden vor der Kamera, die Instrumente aussergewöhnlich halten, wirre Haare, wie ein toller, unangepasster Haufen in die Kamera blicken, das hat nichts von der unheimlichen Kraft und dem Humor der besten Bandfotos der Magic Band, wie sie zum Beispiel im Garten auf und unter einem knorrigen, zugewachsenen Holzsteg entstanden sind, “ein Anblick hässlich und gemein”. Auch die Covervorderseite mit ihrem kinderbildhaften Gekrakel und Gemale hat nichts mit den Skizzen und Malereien Beefhearts zu tun, die doch einen ganz anderen, energischen Strich haben, halt eine gedankliche Schnelligkeit in sich tragen, die mit diesem versonnenen Kinder-malen-im-Wartezimmer-um-sich-die-Zeit-zu-vertreiben nichts gemein hat.

Einzig die “Ant Man Bee”-Zeichnung fängt den Geist (The Most Holy-O Ghost, got me?) von Van Vliets Zeichnungen und Malereien ein, gibt eine Ahnung seiner inneren Basis – Primitivität, Natur, Tier-/Menschheit, Obszönität und dem freien Verschmelzen dieser Begriffe ineinander.

Was mich aber am meisten an der Interpretation Beefheartscher Kunst durch ehemalige Magic-Band-Mitglieder beunruhigt, ist, dass selbst diejenigen, die unmittelbar mit dem Captain zusammengearbeitet haben, ihn anscheinend aus ganz anderen Gründen schätzen als ich: Sie betonen den Kontext eines flippigen Freaks. Dieses mulmige Gefühl hatte ich schon vor drei Jahren, als ich die CD und die Live-Fotos von der reformierten Magic Band sah, wie sie sich (ohne Beefheart) um Drummer John French gruppiert hatte. Dieselben armseligen Versuche, irgendwie weird auszusehen – und damit die Essenz der Beefheartschen Musik zu verfehlen und ins Obskuritätenkabinett zu verfrachten. Es ist traurig. Kann ich mir anmaßen, zu behaupten, die ehemaligen Bandmitstreiter Beefhearts würden ihn aus den falschen Gründen schätzen? Ich bin verunsichert.

http://www.phillipjohnston.com/fnbband.htm

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