23/09/2020

BEGGARS BANQUET zum Fünfzigsten

The Rolling Stones – Beggars Banquet (1968)

Die Umstände unter denen „Beggars Banquet“ entstand, waren von
ähnlichen Unsicherheiten geprägt, wie diejenigen zehn Jahre später bei
„Some Girls“: Die Stones standen unter Druck, weil sie davor eher mal
durchwachsene, etwas orientierungslose Arbeiten abgeliefert hatten. Vor
„Beggars Banquet“ waren es „Between The Buttons“ und „Their Satanic …“ –
recht schwache Alben im Vergleich zu dem, was andere genre-kompatible
Bands im Zeitraum 1966/67 so abgeliefert hatten. Zudem stand der
Verbleib des immer weiter abdriftenden Brian Jones auf der Kippe und
wurde zunehmend eine Belastung. Mit der elektrischen/elektrisierenden
„Jumping Jack Flash“-Single hatte die Gruppe zwar wieder zu neuer Stärke
gefunden, aber die musste sie jetzt auch auf Langstrecke bestätigen.
Und das tat sie auch – überraschenderweise mit einem
Folkinstrumentarium, statt mit großem elektrisch verstärktem Aufwand.

 Seite 1

Sympathy For The Devil

Es fällt schwer, nach all den guten und nervigen Augenblicken, in
denen ich diesen Song gehört habe, ihn noch halbwegs unbelastet zu
beurteilen. Zu durchgenudelt erscheint er mir. Ich mochte ihn eigentlich
immer gerne, wiewohl ich ihn nie in der allerobersten Etage des
Stones-Oevres gesehen habe. Höhepunkt ist für mich ganz klar das mit
glühender Klinge geschnittene E-Gitarren-Solo von Richards. Mit
demjenigen auf „When The Whip Comes Down“ das beste Solo, was ich von
den Stones kenne. Danach kommen dicht gefolgt meinetwegen noch ein paar
Mick-Taylor-Soli, aber die sind eher Schönspieler-Soli, und ich ziehe
nun mal in der Regel Soli vor, die auf Schönheit pfeifen, oder bei denen
Schönheit nur zufällig nebenbei abfällt, aber nicht die Intention ist.

Ansonsten: Außergewöhnlich dichtes Gewebe aus Bongos, Bass und dem
wieder von Nicky Hopkins traumhaft gut gespielten Klavier, das schon auf
„Satanic“ für die ein oder andere Veredelung gesorgt hat. Jagger
souverän bei Stimme und Modulation, sehr konzentriert, mir manchmal fast
ein bisschen zu konzentriert. Aber er hat auch einiges an Text zu
bewältigen und erledigt das druckvoll und dem Sujet entsprechend mit
majestätischer Autorität. Mit „Sympathy For The Devil“ beginnt sich ein
Spiel aus verschiedenen Blickwinkeln und Situationen zu entwickeln,
einer Bühnenaufführung nicht unähnlich, daher vielleicht auch Jaggers
konzentrierter Gesang, denn auch die letzte Reihe im Theater, die mit
den billigen Plätzen für die Ärmsten, soll noch jede Akzentuierung
mitbekommen.

Damit sind wir auch schon voll im Setting des Albums: Eine Burleske
aus Dramen, Provokationen, Sehnsüchten, Verschlüsselungen und
proletarischer Patina, aufgeführt in einem schlecht belüfteten, seine
besten Tage gesehenen Theater, circa zu Zeiten der Industriellen
Revolution gebaut und seitdem nur noch notdürftig renoviert. Ein äußerst
instabiles Stromnetz ist vorhanden, wird aber aufgrund seiner
Unzuverlässigkeit nur selten für die Beschallung genutzt. Stattdessen
wird alle Elektrizität für die gerade mal ausreichende Beleuchtung
benötigt. Auf der Bühne liegt ein alter Telefunken-Kassettenrecorder, an
den ein kleines Mikro angeschlossen ist. Das Bühnenbild besteht aus
zehn einfach zu transportierenden Tableaus, die schnell aufgebaut werden
können, ohne dass der Vorhang dafür fallen muss. Die Illusion geht
dabei vielleicht kurz flöten, aber es soll hier ja um eine Inszenierung
gehen. Nicht nur ein Hauch von Brechtscher Brechung weht über die kleine
Bühne. Ein parallel filmendes Kamerateam ist Teil der Aufführung und
lässt der Band wenig Platz zum Ausbreiten, sie muss eng zusammenrücken.
Das Publikum ist nicht zu vergleichen mit dem gesetzten
Theater-Abo-Publikum, das heutzutage viele Spielstätten trägt. Hier, am
Rand der Gesellschaft, ist es nicht gewohnt, still zu sitzen und tut es
auch nicht. Langweilt es sich, beginnt es zu lärmen und zu poltern.
Daher darf es auf der Bühne auch gerne mal ein bisschen derbe zugehen.

Der Opener „Sympathy For The Devil“ funktioniert gut als Einführung,
um das ablenkungsanfällige Publikum aufhorchen zu lassen. Das ist wie
bei „Macbeth“, das Shakespeare auch mit einem Knaller eröffnet, damit
gleich mal alle Aufmerksamkeit der Bühne gilt. Treten in „Macbeth“ dafür
die drei Hexen auf, um das Publikum buchstäblich in den Bann zu ziehen,
ist es auf „Beggars Banquet“ der Teufel, der überraschenderweise um
gute Manieren bittet und nicht ohne Stolz auf seine entscheidenden Taten
verweist, die er aber postwendend an das Publikum zurückgibt („ … after
all/ It was you and me!“). Soll sich keiner hier aus der Verantwortung
stehlen! Nach diesem aufrüttelnden Beginn darf dann beim nächsten Titel
gerne mal ein bisschen geschluchzt werden.
****1/2

No Expectations

„No Expectations“ ist der erste Teil der (Country-)Blues-Trilogie um
Verlust und Schmerz und Hoffnungslosigkeit, die mit „Love In Vain“ und
„I Got The Blues“ auf den darauf folgenden Platten fortgeführt wird.
Während „I Got The Blues“ das Schwächste von den drei Guten ist, ist mir
„No Expectations“ das liebste, weil es mit der klirrenden Slide eine
Unwägbarkeit einbringt, die ich so beim ähnlich guten Nachfolger – „Love
In Vain“ – nicht finde. Dort ist alles eher perfekt umgesetzt, Richards‘
Slide gräbt tief und warm und hält doch in jedem Moment ihren Ton. Hier
auf „No Expectations“ jedoch steigen die Slide-Töne schrill und
schmerzhaft, sie bauen sich spitz auf und gleißen rau und unberechenbar
um die Noten herum. Brian Jones war einfach ein sehr guter – intuitiv
sehr guter – Multi-Instrumentalist. Die Slide auf „No Expectations“ ist
eine seiner besten Beiträge in seiner leider ja nur sehr kurzen
Karriere.
*****

Dear Doctor

Country-Folk-Schunkler und launige Geschichte um einen armen Tropf,
der die designierte Gemahlin gar nicht heiraten möchte und zur
unerwarteten Erleichterung am Tag der Vermählung einen Zettel im Jacket
findet, mit der Nachricht, die Hochzeit würde nicht stattfinden, sie sei
mit seinem Cousin durchgebrannt. Krudes Anti-Happy-End-Happy-Ending
also, das so vielleicht auch in den verruchteren Kneipen Nantuckets
zwischen den Walfangtörns seine Runde gemacht hätte.

Zum damaligen Zeitpunkt weiß man noch nichts über Jaggers Probleme,
Country oder Countryfolk zu singen, er deswegen immer eine Brechung
reinbringen muss, weil er sich in dem Genre unsicher fühlt.
Entsprechende Beispiele sollten erst noch folgen. „Dear Doctor“ erinnert
musikalisch ein bisschen an „Sweet Black Angel“ vier Jahre später: Gut,
aber auch etwas gleichförmig umgesetzt. Trotzdem unterhaltsam und von
Jagger und Richards in einer Art Thekenbruderschaft gesungen.
****

Parachute Woman

Nichts gegen gute Remaster, aber bei „Beggars Banquet“ ziehe ich
meist meine olle 1970er LP-Pressung auf Deccas Zweitverwertungslabel
Nova vor (nur echt mit dem kleinen, tanzenden Roboter im Logo, der das
„Nova“-Schild vor sich her zeigt wie ein Nummerngirl). Der Sound der
Akustikinstrumente wirkt bei Nova gedrängter und perkussiver als auf dem
wirklich sorgfältig und vorsichtig aufpolierten LP-Remaster von 2003,
das den Sound dafür eine Idee klarer und separierter bringt. Aber
selbst diese kleine Veränderung reicht schon aus, den Perkussionseffekt
auf „Parachute Woman“ abzumildern. Und damit verliert das Ganze wieder
an Wucht. Man sollte nicht trennen, was zusammen gehört. Halten wir also
einmal kurz inne und huldigen den Produktionskünsten Jimmy Millers, der
eben genau erkannt hat, dass man den Sound ‚schlecht‘ machen und
zusammendrängen muss, damit er durchschlagender wird. Low-Fi auf
höchstem Niveau. „Beggars Banquet“ ist für die Stones, was äh, fast alle
Alben von The Fall für The Fall sind: Ein Exempel des Guten im Schlechten,
ein Argument für Hässlichkeit und gegen das Schöne. Ein Zeichen gegen
die technisch größtmöglich machbare Optimierungspest. Insofern war
Miller für die Stones ein absoluter Glücksgriff. Für mich hat er mit
„Beggars Banquet“ seine wichtigste Produzentenleistung abgeliefert, egal
welchen Sound er später noch aus muffigen Kellern herausgeholt hat.

Der Text von „Parachute Woman“ ist die Art Porno-Pop, die ein
vergnügungssüchtiges Publikum mit kurzweiligen Zweideutigkeiten bei
Laune zu halten versteht. Die Musik ein hemdsärmelig umgesetzter
Rumpler, muskulös wie ein Hafenarbeiter mit Fallschirmdamen-Tattoo auf
dem Oberarm, was man sich bildlich gut vorstellen kann, wenn man sich
die entsprechende Fallschirmdamenzeichnung anschaut, die auf der Rückseite des
Klo-Covers auf dem hafenarbeiteroberarmdicken Abflussrohr prangt. Watts
schlägt seine Drums klatschend, als würde er auf voluminösen nassen
Pappkartons spielen. Am Ende kommt nochmal eine sehr gute, langgezogene
Mundharmonika, von der mir die Stones-Experten bestimmt sagen können,
wer sie spielt. Ich tippe auf Jagger (und hatte Recht, wie mir eine
spätere Recherche verriet).
Keith Richards zieht seine kurzen E-Gitarren-Kerben in den Song, wie
sie so formvollendet zerstörerisch von ihm nur auf „Beggars Banquet“ zu
hören sind. Für diese künstlichen, dekonstruierenden Stiche in die
Herzen der Songgerüste gebührt ihm mein allergrößter Respekt, sie sind
auf „Beggars Banquet“ neben der Kompression der Akustikgitarren die
vielleicht größte sonische Errungenschaft. Diese kerbenden Schnitte sind
mir letztlich lieber als der sichere Chuck-Berry-Riff-Kram, für den er
immer so gelobt wird. Aber ich habe die Stones ja sowieso noch nie
verstanden.
*****

Jig-Saw Puzzle

Jagger wirft ein paar kritische, leicht sozialromantische, szenische
Brocken hin, in denen er sich und die Band gleichstellt mit anderen
Gruppen, die an den Rand gedrängt werden – der ausgezehrte
Landstreicher; die ausgestoßene Bischofstochter; der kleinkriminelle
Gangster – und in die er versteckte Hinweise über das eigene Befinden
einstreut: Die Verwirrung, wie Erfolg und Misserfolg eine Band aus dem
Takt bringen kann, und wie schnell Jagger den (medialen) Löwen als
Fressen diente. Daher geht Jagger auf Distanz, um sich und die Seinen
(„Me and my woman“) zu schützen.

Wahrscheinlich sind die Anfänge der Entstehungsgeschichte von
„Jig-Saw Puzzle“ noch im geplanten und nur halbherzig umgesetzten
Politsatire-Konzept von „Their Satanic Majesties Request“ zu finden. Ein
weiteres Beispiel dafür, dass es auf „Beggars Banquet“ nicht um
Authentizität geht, sondern um so etwas wie symbolische
Fantasiecharaktere. Bei „Jig-Saw Puzzle“ entsprechend vielleicht um
einen Gegenentwurf zu Sergeant Dingsbums: Stattdessen tritt ein abgerissener
Uniformträger auf, der so tut, als wäre er aus einem Dickens-Roman
desertiert und der ein paar Stones-Interna in seine
Außenseitergeschichten einstreut.

Die Welt ist zwischen „Out Of Our Heads“ und „Beggars Banquet“ nicht
einfacher geworden, daher breitet Jagger seine Beobachtungen wie
Puzzlestücke aus, während er selbst es sich mit seiner Frau bequem
macht, um dem irrsinnigen Treiben aus der Entfernung zuzuschauen. Nicht
verwirrt und verstört, wie Dylans Mr. Jones, sondern als distanzierter
Beobachter das Außenseiter-Image pflegend, das ihm und seiner Band von
der Gesellschaft aufoktroyiert worden ist. Dass derselbe
Außenseiter-Status den Stones allerdings auch – im Gegensatz zu
Landstreichern, Kleinkriminellen und verstoßenen Bischofstöchtern – zu
einigem Reichtum verholfen hat, verschweigt Jagger jedoch. Oder ahnt er
bereits, dass die Stones aufgrund von Steuernachforderungen in naher
Zukunft kurz vor der Pleite stehen werden?

Musikalisch findet der Song auf „Beggars Banquet“ eine sehr gute
Umsetzung. Jagger bietet eine überzeugende Performance, er spielt mit
dem Text, variiert und bleibt doch trotzdem immer in einem distanzierten
Modus, der den satirischen Aspekt noch unterstreicht. Der Bass und der
Synthesizer sind hier das Highlight – Props für Mister Wyman – und
natürlich Nicky Hopkins Klavierarbeit, aber das muss man fast schon gar
nicht mehr extra erwähnen. Richards schneidet nicht so scharf in den
Song hinein und Charlie Watts gewaltige Drum-Breaks, die später auf der
zweiten Seite der Platte zum Einsatz kommen, werden erstmal nur
angedeutet. Das etwas verhaltenere Ganze passt aber eben auch deswegen
sehr gut, weil es den Song ganz subtil ironisch unterspült. Besonders
der Synthie ist da ausgezeichnet gewählt. Ganz zum Ende hin nimmt alles
nochmal Fahrt und Aggression auf. Ich schmeiße alle Sterne in die Luft
und rufe „Danke!“
*****

Das Bühnenlicht erlischt. Pause. Das Publikum begibt sich zum Tresen
und verprasst seine Rente, ebenfalls mit lautem „Danke!“. Bis hierhin
war es eine außerordentlich gute Vorstellung, man hat sich säuisch
amüsiert, ein bisschen was über sich erzählt bekommen, über das
Aussenseitertum, über die Stones, das Böse, die Hoffnungslosigkeit und
den seltenen Umstand, dass sich ausweglose Situationen manchmal von
selbst erledigen können.

Seite 2

Street Fighting Man

“Street Fighting Man” ist vielleicht das dynamischte Stück Musik, das
die Stones je zusammengepresst haben. Und das hat nicht zuletzt damit
zu tun, dass es abgesehen vom Bass gänzlich ohne elektrische Verstärkung
auskommt. Denn es ist relativ einfach, mit elektrischen Gitarren ein
Chuck-Berry-Riff rauszuhauen, sich von einem fähigen Drummer im
Hintergrund antreiben zu lassen und Rock’n’Roll-Krach zu machen.
Verlässt man sich aber zur Gänze auf akustische, unverstärkte
Instrumente und kriegt trotzdem eine mitreißende Atmosphäre hin, dann
ist der Effekt nochmal um einiges stärker, weil unerwarteter. Das ist
das Geheimnis von „Street Fighting Man“ und eigentlich auch von „Beggars
Banquet“ im Ganzen.

Vielleicht der einzige Moment, in dem Keith Richards sowas wie eine
avantgardistische Soundidee hatte, war derjenige, als er seine
Akustikgitarre über einen übersteuerbaren Cassettenrecorder laufen ließ
und diesen verkrachten, gezwängten Klang zu nutzen verstand. Dadurch kam
erst der gedrängte, auf Spannung und nahen Ausbruch angelegte Sound
zustande, der „Street Fighting Man“ zu so einem tollen Stück macht, und
an dem sich vermutlich Jimmy Miller orientiert hat, als er sich daran
machte, das Sounddesign von „Beggars Banquet“ zu entwickeln. Jagger
bietet eine der besten Gesangsleistungen seiner Karriere, indem er ein
beängstigendes Grollen unter seine Stimme legt, das ich so nie wieder
bei ihm gefunden habe. Watts schlägt einen ungemein trockenen,
gnadenlosen Sound aus seinem kleinen Drumkit, aus dem man sicher auch
eine stabile Barrikade bauen könnte. Das gesamte Arrangement ist ein
Genuss an Aufbau und Wucht, noch verstärkt durch die Kompression der
Akustikgitarre.

Der Text spiegelt die Zeit wider: Der Mittelklasse-Junge, der sich
den Aufstand wünscht, aber doch nur in einer Rock-Band landet im
schläfrigen London fernab der Barrikaden. Da muss wohl was dran gewesen
sein in der Beschreibung der damaligen Londoner Atmosphäre: Auch
Flüchtling Caetano Veloso – von der Verfolgung durch die brasilianische
Diktatur ins Exil getrieben – empfindet die Stadt Ende der 1960er Jahre
als so entspannt, dass er vor lauter Muße den Himmel nach Fliegenden
Untertassen absucht. Wie würde es Veloso heute ergehen, stände er vor
dem Eurotunnel Richtung England?
*****

Prodigal Son

Niemand glaubt ernsthaft, dass sich Jagger plötzlich zum frommen
Christen gewandelt hat, nur weil er hier die Geschichte vom verlorenen
Sohn in der Version von Reverend Wilkins zum Besten gibt. Tatsächlich
geht ihm der Duktus eines Predigers auch gänzlich ab, wenn man mal
vergleicht, mit welcher Inbrunst und Exaltiertheit die bekannte
Geschichte aus der Bibel beispielsweise von Reverend Worrell
1926 unters Volk gebracht wurde. Stattdessen singt Jagger eher
stilisiert, was bei Wilkins noch tief empfunden wirkt. Die musikalische
Umsetzung der Stones lässt kaum Zeit zum metaphernreichen Nachdenken.
Sie erzählt hart und schnell. Sie verweltlicht, während Wilkins Vorlage
vier Jahre zuvor um einiges geschmeidiger und glaubensstärker geraten
ist. Es ist eben auch damals schon immer ein Spiel mit Zeichen
mitgeschwungen. Zeichen, die die Stones setzten und derer sie sich
bedienten. Insofern hatte die Band – oder zumindest Mick Jagger – feine
Pop-Antennen, selbst bei so einem schlichten Country-Blues wie „Prodigal
Son“. Das hat sie damals davor bewahrt, in die Authentizitätsfalle
vieler britischer Blues-Musiker zu tappen, die mit heiligem Ernst ihren
Blues feierten (und dafür zurecht von John Lennon im „Yer Blues“ eins
aufs Dach bekommen haben). Die Stones bauten doppelte Böden ein, die
klarstellten, dass die besungenen Probleme nicht notwendigerweise die
Probleme der Stones waren. Vielleicht war ihnen auch sowieso klar, dass
es schon im alten Folk und Country-Blues oftmals gar nicht um das
Besungene ging, sondern darum wie gesungen wurde. Charlie
Patton ist sicher nicht mit Ehemännern aneinandergeraten, weil er so
klagend und authentisch blueste, sondern weil er auch wusste, wie man
während der Performance ganz direkten Eindruck auf die Damenwelt machen
konnte. Insofern war Blues wahrscheinlich noch nie authentisch im Sinne
von ehrlich und inhaltlich integer. Aber das ist ja alles altbekannt,
auch wenn‘s vielleicht der ein oder andere Freund „ehrlicher Rockmusik“
vergessen haben sollte.

Musikalisch kommt bei „Prodigal Son“ wieder die Fähigkeit der
damaligen Stones zum Tragen, akustisch und unverstärkt mitzureißen zu
können, eine Aggression in die Struktur einzulassen, sogar wenn sie
ihren Maschinenpark noch weiter reduzieren, als sie es beispielsweise
bei „Street Fighting Man“ ohnehin schon getan haben. Miller produziert
ihnen dafür einen enorm rhythmisierten Torso aus Akustikgitarren,
ergänzt nur durch einen schnellen, supersimplen, beckenlosen Beat. Ich
kenne wirklich keine Platte, in der Akustikgitarren auf so direkt
angreifende Art und Weise versoundet sind wie auf „Beggars Banquet“. Auf
andere, rohere Weise steht daher „Prodigal Son“ „Street Fighting Man“
in nichts nach, ist aber, wenn ich den Begriff hier mal verwenden darf,
die coolere Aufnahme.
*****

Stray Cat Blues

Und dann, nach all der dominierenden Akustik, direkt nach dem
vollkommen stromlos abgetakelten „Prodigal Son“, kommt sie im siebten
Song des Albums doch noch bestimmend ins Spiel: Die Elektrik. Aber sie
hat was gelernt von ihren sieben Vorgängerliedern: Sie hat nämlich
gelernt, sich selbst akustisch zu verhalten, also nicht effektgeladen
die normale Rock’n’Roll Show zu zünden aus einem Sicherheitsnetz an
Verzerrungen und Effekten. Stattdessen unterstützt sie den Rest
ökonomisch und ohne solistische oder Riffs ausstellende Sperenzien. Und
da wo sie nicht nur untersützt, nutzt Richards sie, um wieder seine
Hiebe und Schnitte zu landen, den Track mit weißen Noise-Ausschlägen aus
dem Zeitschema zu lösen. Erstmals treten die gewaltigen Drumbreaks in
voller Pracht auf, die Charlie Watts unter Einfluss von Drummer und
Produzent Jimmy Miller einstreut – die dritte sonische Innovation des
Albums neben Richards scharfen Klingen der E-Gitarre und dem
perkussiven, zusammengedrängten Sound der Akustikgitarren.

Musikalisch ein toller Track, nervt mich aber der Text. Sex mit
Minderjährigen willkommen zu heißen, wie es Jagger in den Lyrics
andeutet, mag damals eine Provokation gewesen sein, mit der er die
Ängste der Elterngeneration widerspiegelte, der musikalische und
gesellschaftliche Aufruhr in den 60er Jahren würde die Jugend in die
sexuelle Zügellosigkeit führen. Trotzdem spielt man mit diesem Thema
nicht. In der Atmosphäre sexueller Offenheit haben sich tatsächlich
viele Missbräuche von Minderjährigen abgespielt, auch prominente
Beispiele unter Musikern sind darunter. Was teilweise allerdings erst
Jahrzehnte später bekannt wurde. Ebenso wurde die damalige und auch
notwendige Diskussion über die „sexuelle Befreiung“ von Pädophilen
genutzt, ihre die Würde und Unversehrtheit der Opfer massiv verletzenden
Neigungen in eine gesellschaftliche Normalität umzudeuten. Sowas kommt
mir immer in den Sinn, wenn ich „Stray Cat Blues“ höre. Und das
verhagelt mir auch etwas den musikalischen Genuss. Daher hilft es
nichts, es muss mal wieder differenziert werden:
Musik *****. Text *.

Factory Girl

Nach aktuellem Wiederhören wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich
„Factory Girl“ geografisch völlig falsch eingeordnet habe. Vor meinem
inneren Auge spielt es sich immer in England in den 1950er Jahren ab.
Dabei spricht Jaggers Gesang und die Fiddle eher für die USA. Wieder mal
kann Jagger nämlich nicht davon lassen, mittels gefaketem
amerikanischem Englisch einen Countryfolk-Song ironisch zu unterfüttern,
als wäre es nicht schon ironisch genug, dass ein Millionär vor dem
Fabriktor auf ein armes Arbeitermädchen wartet. Vergeblich wartet,
übrigens. Im Gegensatz zu Song 2 Seite 1 aber diesmal mit Expectations.
Daher wird auch kein Blues unterlegt, sondern ein ganz bezauberndes
Folk-Gerüst aus der „Beggars Banquet“-Trademark-Schule für angewandte
perkussive Akustikgitarren, entwickelt von Prof. Keith Richards,
soundtechnisch realisiert von Prof. Jimmy Miller in Zusammenarbeit mit
Dr. Glyn Johns. Des Weiteren im Team: die Hiwis Dave Mason an der zarten
und hoffnungsvollen Mandoline, und Ric Grech, der eine hochmelodiöse,
nur ganz dezent aufgeraute Violine spielt – beachtenswert besonders wenn
man bedenkt, zu welch enervierendem Kratzen eine Violine fähig sein
kann, wenn man es darauf anlegt, den unangenehmen Weg des Old Time Folks
zu gehen. Watts spielt auf „Factory Girl“ Tabla mit Drum-Sticks. Eine
Formverletzung, denn normalerweise werden sie nur mit den Händen
gespielt. Ich weiß nicht, ob das in Indien ähnlich schlimm ist, wie eine
Kuh von der Straße zu vertreiben, aber es addiert eine weitere
Einzelheit zu den Soundinnovationen hinzu, die „Beggars Banquet“ ohnehin
schon ausmachen.
*****

Salt Of The Earth

Das dritte und letzte Mal, dass auf „Beggars Banquet“ ein biblisches
Motiv aufgegriffen wird. Das Album startet mit dem personifizierten
Bösen und seinen verheerenden Einmischungen, macht zwischendurch die
Kurve zum verlorenen Sohn und wie er und die Seinen sich durchs Leben
schlagen, um am Ende in vollem Pathos, mit Chor und was sonst noch so
dazu gehört, der „Masse“, dem „Salz der Erde“ zu huldigen. Ich muss da
ein bisschen an Alex denken, der in „A Clockwork Orange“ biblische
Motive als Tableau für die eigenen Fantasien benutzt hat, in Alex‘ Fall
für die eigenen egomanischen Gewaltfantasien.

Ich vermute, das hymnenhafte, am Rande des Sozialkitschs lavierende
„Salt Of The Earth“ sollte das Finale der ursprünglichen „Their Satanic
Majesties Request“-Gesellschaftssatire werden, die dann aber doch nicht
zu Ende gedacht und produziert wurde, und von denen Bruchstücke auf
„Their Satanies“, „Beggars Banquet“ und „Let It Bleed“ verarbeitet
wurden. Insofern wirkt der große Chor-Bahnhof und die salbungsvolle
Gestik von „Salt Of The Earth“ vielleicht im ersten Augenblick etwas
drüber, es passt nicht so recht zum erdigen Flow der Platte, klingt mehr
wie der Endpunkt eines aufgeladeneren Konzepts, das dann aber doch
nicht realisiert wurde.

Dann aber wieder passt es sehr gut, denn die Stones haben auf
„Beggars Banquet“ eben nicht den Anspruch, authentisch zu sein, sondern
spielen mit dem Instrumentarium der Pop-Kultur aus Behauptungen,
Übertreibungen, Widersprüchen, verrätselten Bildern,
Bigger-Than-Life-Gefühl und Superstardom. So tun sie auch hier nur so
als ob, denn soweit ist es dann doch nicht her mit Huldigung und
kritiklosem Wohlwollen für die Arbeiterklasse, dem „Salz der Erde“: Sie
wird nur als diffuse Masse aus Grau, Schwarz und Weiß wahrgenommen, so
wie sie sich dann eben auch als fremd und seltsam erscheinende „faceless
crowd“ in den Konzerten darstellt. Der Trinkspruch auf die hart
arbeitenden Leute niederer Herkunft („… hard working people/…/ … lowly
of birth“) wird ausgehebelt, die so romantisch Besungenen sind letztlich
nur fremdgesteuert, an der Nase herumgeführt von Halunken und Spielern.
Dazu passt das Ende, das musikalisch immer schneller wird, bis sich die
Glorie um das Salz der Erde in schwindeligem Strudel dreht, befeuert
aus dem immer ekstatischer jubilierenden Boston Choir, Hopkins rasenden
Klavierläufen und Watts mächtigen Drums. Wohin der Strudel die Massen
trägt – nach unten zu den Spielern oder nach oben zum Erlöser – bleibt
offen. Das Spiel jedenfalls ist aus. Und ich muss an „Shattered“ denken,
wo Jagger zehn Jahre nach „Beggars Banquet“ im rücksichtslosen
Wettbewerb der Nettigkeiten von Big Apple versinkt, während die
restlichen Stones ihn sarkastisch mit einem öligen „Shattered Shooby
Shattered“-Chor begleiten, bis er überschnappt. Die Welt hat sich nicht
zum Guten gewandelt, die Haare werden mal länger und mal kürzer, das
Smartphone sagt das Wetter voraus, wir treffen uns an den
Mittelmeerküsten der EU.
*****

Und wie in einer guten Theater-Aufführung hat man in der zweiten
Hälfte gar nicht mehr gemerkt, dass man im Theater war. Trotz
herunterhängender Tapeten, abgewrackter Requisiten und dem Filmteam auf
der Bühne war man drin und schaut erst wieder raus, als das Deckenlicht
flutet. Waren wir selbst jetzt mit dem Salz der Erde gemeint, soll auf
uns getrunken werden, oder trinken wir einfach selbst auf das Salz der
Erde? Und da letzteres für alle irgendwie die beste Lösung scheint,
trifft man sich nach einem kurzen Toilettengang noch zum
Premierenbuffet.

Fazit: Die Qualität von „Beggars Banquet“ kam wie aus heiterem
Himmel. Ich kenne kein anderes Album mit Schwerpunkt auf einem
akustischen Folk-Instrumentenset, das so dermaßen durchschlagend
produziert ist und gleichzeitig eine große Pop-Sensibilität zeigt.
Obwohl man es vielleicht erst nicht heraushören mag, baut es aber
unterschwellig in der Wahl der Instrumentierung auch auf seinem
psychedelischen Vorgänger auf: Congas bei „Sympathy“; Sitar, Shehnai,
Tamburica bei „Street Fighting Man“; Synthesizer und Mellotron bei
„Jig-Saw Puzzle“; Mellotron und Congas bei „Stray Cat Blues“; Tabla und
Conga bei „Factory Girl“. Alles Schatten, die einen Bezug zu „Their
Satanic Majesties Request“ herstellen. Aber es wird auf „Beggars
Banquet“ eben anders genutzt: Ökonomischer, weniger verspielt, dafür an
Idee, Wirkung und Kontakt nach außen orientiert und nicht durch
selbstvergessenes Gedaddel gestreckt und um sich selbst kreisend.
„Beggars Banquet“ wollte kommunizieren! Die Stones gaben etwas preis von
sich, kommentierten gesellschaftliche Vorgänge und reflektierten ihre
auf unsicheren Beinen stehende Stellung darin. Ironisch feinfühlig,
burlesk übertrieben und selbst noch in all der Akustik, die hier über
der Elektrik steht, mit einer gehörigen Portion Wut und Aggression im
Sound. Diese spezielle Mischung haben sie erfunden. Nachgemacht hat es
ihnen niemand. Für mich gehört daher „Beggars Banquet“ neben „Some
Girls“ – dem anderen Album der Stones mit einem unkopierten Sound – zu
ihrer überzeugendsten Arbeit. Warum ich „Some Girls“ trotzdem vorziehe, werde ich hier auch noch verbraten.
*****

Bewertung: * (schlecht) – ***** (gut)

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