28/10/2020

BILL CALLAHAN erinnerungs-überblendungen

BILL CALLAHAN dream river 2013

Der Zufall will es, dass Bill Callahan jüngst eines der schönsten Überblendungscover veröffentlicht hat. Und eines der außergewöhnlichsten sowieso, denn es ist keine Foto- oder Film-Überblendung – wie sie ja in der Plattencoverkunst gar nicht mal so selten sind – sondern eine Ölbild-Überblendung – und die ist wirklich, wenn nicht einmalig, so zumindest extrem selten. Ich spreche natürlich von Bill Callahans neuer Platte “Dream River”, deren Musik sich ähnlich unmerklich in die Worte einschaltet, wie sich das Gesicht auf dem Bild langsam aus dem Gebirgsmassiv herausschält. Wie eine ständige, nicht wegzubekommene Erinnerung. Man ahnt die Erscheinung erst, …

… und mit zunehmender Entfernung erkennt man dann …

… die eigene Großmutter?

Was fällt mir zu “Dream River” ein? Goethe. Der hatte auch im Alter zu sehr reduzierten Naturgedichten gefunden, mitunter schien er allen verbalen Ballast über Bord geworfen zu haben, die Überbleibsel um die Hälfte reduziert und dann noch zwei Drittel der Verse gestrichen. So ist auch Callahan. Irgendwann wird er womöglich sogar noch die vagesten Songstrukturen als Ballast empfinden. Auf “Dream River” ist er auf einem guten Weg dahin, ein sich langsam veränderndes Gesamtgebilde an Tönen die Geschichte der Worte stärken oder kommentieren zu lassen. Und wenn dazu eben Flöte und Fiedel nötig sind, soll es halt so sein. Andererseits scheut er ja auch keine bedrohlich aufsteigende E-Gitarre. Frei sein in den Mitteln, und sie nur so sparsam einzusetzen, wie nötig. Neben Julia Holters “Loud City Song” das genaueste musikalische Erzählgedicht, das mir dieses Jahr untergekommen ist.

Auf der Rückseite von “Dream River” wird übrigens auch übergeblendet:

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