28/11/2020

Blind Willie Johnson: Summen und Rauschen

Blind Willie Johnson Dark Was The Night
1928-31

Der interessierte Leser muss es mir bitte verzeihen, dass die Eigendynamik dieses über viele Monate gehenden Projektes mir Platten aufdrängt, an die ich nie und nimmer dachte, als das Projekt seinen Anfang nahm. Dafür fallen dann sicher gesetzte Alben weg, soweit kann ich mich schon festlegen, jetzt, wo das Ende dieser kleinen Threadreihe nur noch wenige Wochen entfernt ist. Es wird beispielsweise wohl keine Platte von Giant Sand mehr kommen („Ballad Of A Thin Line Man“ war in den Top 10 gesetzt). Schaffe ich es stattdessen immerhin, die einmalige erste Feelies zu erwähnen, die das Kunststück fertig bringt, der Prototyp (in Musik, Bild, Cover, Image) einer Indie-Collegeband zu sein, ohne dass eine Indie-Collegeband jemals wieder an deren Stil anknüpfte (stattdessen wurde sich an den ungleich konventionelleren R.E.M orientiert – später leider irgendwie auch von den Feelies selbst)? Ich meine, wie großartig ist denn bitte die Idee, nervöse Gitarrenpopsongs mit einem minutenlangen Intro zu spielen, an das sich zum Schluß noch ein winziger Teil mit Refrain und Strophe dranhängt? Müssen nicht wenigstens The Fall noch erwähnt werden? Oder eine der vielen herausragenden Platten von Al Green, gerade weil ich doch Ann Peebles schon im Programm hatte, und Al Green sogar noch besser ist? Die Byrds fallen raus, die Beau Brummels wollte ich mit Bradley’s Barn noch erwähnen, aber ich schaff’s nicht. Wie steht’s mit La Nouvelle Pouvreté von Jan Jelinek? Mit Stereolab, Air, MC 900 Ft Jesus, Rufus Wainwright, Van Dyke Parks (Discover America!)? Die erste Undertones (die englische Ausgabe mit „Teenage Kicks“ drauf)? Superfly? Ich müsste sie erwähnen, nur fällt mir zu ihnen gerade nichts ein, ich höre sie momentan auch nicht. Und wenn ich was nicht höre, kann es ja auch nicht das Beste sein, das ich kenne. Denn dann würde ichs ja hören, oder?
Stattdessen bin ich unmerklich über einen sehr langen Zeitraum hinweg nach und nach in einen anderen Strudel gesogen worden. Es nahm vor bestimmt vier Jahren seinen Anfang mit Howlin Wolf und „Moanin’ At Midnight“, das mich aus heiterem Himmel traf. Ich sah plötzlich die Vergangenheit der Jon Spencer Blues Band, ich sah DEN Gitarrensound und DAS Heulen. 1952 aufgenommen! Unglaublich. Ich hörte „Moanin’“ seit damals mehrere hundert Male. Damit gings irgendwie los. Dann kam zeitgleich das Psych-Folk-Revival (Scheiß auf Anti-…) – und schon hatte mich die Gitarrensaite wieder. Ich entdeckte über The Books einen Weg, der mich auf den Pfad der Anthology of American Folk Music brachte, von da ist es nur noch eine Gitarrenvariation bis zu John Fahey. Immerhin knöcheltief fand ich mich plötzlich in Rootsmusik wieder und hörte rauschende Zusammenstellungen alter Shellack-Aufnahmen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts von Folk, Bluegrass, Blues und Gospel, die schon damals mit ihrem ersten Erscheinen Old Time Music genannt wurden.

Der Blues’n’Folk hat sich in unmöglichem Zick-Zack-Kurs durch mich hindurchgeschlängelt wie eine Patrone aus Lee Harvey Oswalds klapprigem Gewehr. Plötzlich sah ich mich 3-CD-Boxen von Charley Patton kaufen, das durchsichtige Vinyl einer Dock-Boggs-Platte – erschienen auf Revenant, dem Plattenlabel von John Fahey – auflegen, lud mir Slim Harpo auf den Rechner und lauschte gebannt Muddy Waters, wie er den kräftigen Wind besingt, der in Chicago weht („Blow Wind Blow“ from Chicago – mit der Betonung auf dem letzten Vokal, so wie es Bob Dylan tat, als er in der ersten Folge seiner Theme Time Radio Show den Song anmoderierte). Mich packte das Fieber, als ich „Dark Was The Night“ von Blind Willie Johnson in das Abspielgerät schob (so wie es vielleicht auch Extraterristrische tun werden, wenn sie den Titelsong auf der Schallplatte aus Gold finden, die dem Voyager-Raumschiff beigefügt ist). Sein Gesang elektrisierte mich. Später bemerkte ich erst, wie fantastisch er außerdem Gitarre und Slide spielen konnte. Ich bin kein Fachmann, was diese alten Tunes aus Folk, Gospel und Blues betrifft (die Aufnahmen von „Dark Was The Night“ stammen von 1928-31), aber obwohl sich hier fast nur ein Mann mit (Slide-)Gitarre begleitet (manchmal singt auch seine Frau mit), finde ich, dass Blind Willie Johnson wie kein zweiter klingt. Die Stimme kann vollendet kratzen (wenn sie will), nicht rau im Sinne von Kontrollverlust, sondern sie kratzt stetig indem sie den Ton dabei hält. Das ist toll. Noch toller aber ist, wie Blind Willie Johnson manchmal am Ende eines Verses das Kratzen herausnimmt, und was dann ganz unspektakulär zum Vorschein kommt, ist ein nie gehörtes Summen und Seufzen. Es zieht den Vers nach unten und nach oben. Gleichzeitig. Wie ein Wink aus einer anderen Dimension. Das meine ich gar nicht pathetisch. Man könnte versucht sein, aus diesem Seufzen ein Symbol des Leidens herauszulesen (seiner Vita nach zu urteilen hätte er durchaus Grund dafür gehabt), aber damit würde man nur einem platten Blues-Idiom aufsitzen. Niemand muss sich hier am Leiden ergötzen, denn dieses Summen und Seufzen ist selbstbewusst und selbstbestimmt, selbst noch in der Trauer. Es horcht in sich hinein und findet auch wieder heraus. Der Titelsong kommt ohne Text aus, das Seufzen und Summen ist hier ganz rein. Es kommt bei mir an. Durch und durch.

2 Gedanken zu “Blind Willie Johnson: Summen und Rauschen

  1. Auf das Rauschen habe ich ein Copyright. Insbesondere im Zusammenhang mit Songs wie "Dark Was The Night" – zudem wäre da noch das eine oder andere zu ergänzen, z.B. beim Thema wie du vom Hölzchen zum Stöckchen gekommen bist, mach ich aber jetzt nicht. Vielleicht später mal, so ganz investigativ. Natürlich nirgendwo sonst als hier, direkt an dieser Stelle.

    Stay tuned!

  2. Ja, mach mal! Und bitte gerne investigativ.

    Ich hätte vielleicht noch erwähnen sollen, dass das damalige Special "American Roots Music" in der Spex, zu dem du ja einen ganz maßgeblichen Text beigesteuert hast, mich nachhaltig auf die Umlaufbahn des ALten RAuschens schoss, in der ich seitdem immer mal wieder ziellos herumtrudele und "vom Hölzchen zum Stöckchen komme".

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