26/09/2020

Bob Dylan: Knietief in oooold Music

Letzes Jahr auf einer Geburtstagsfeier war sehr lange eine uralte Bob-Dylan-Platte zu hören. Zu meinem Erstaunen hat sie mir gefallen. Schnelles, überraschend zeitlos wirkendes Sixties-Folk-Geschrabbel der unwirschen Art. Ein Halbwissender raunte mir heimlich “Subterranean Homesick Blues” zu. Ich schob meine plötzliche Affinität zum näselnden Quaker meiner momentan sehr gestressten Seele zu und einem daraus folgenden minderbemittelten Urteilsvermögen, musste mich aber bald darauf selbst eines Besseren belehren: Nach anfänglicher Sympathie für eine alte Jackson-Browne-Platte, die später am Abend lief, erkannte ich nämlich sehr bald und sehr präzise, dass mich Jackson Browne nur ungefähr alle 12 Jahre für 7-9 Minuten gefangen halten kann, bis ich ihn dann doch als schnöden Songhandwerker durchschaue. Daran konnte ich sehen, dass mein Toll/Quark-Unterscheidungsvermögen weiterhin gut funktionierte.

Bei besagter Dylan-Platte dagegen hielt mein Interesse an, ja es nahm sogar mit weiterer Spieldauer noch zu. Meine ängstliche Frage, ob ich mir nun Sorgen machen müsse, weil ich womöglich – nach mehreren Jahrzehnten Musikbeschäftigung, in denen ich von Dylan so gut wie gar nichts hielt und in denen mir sein quengelnder Gesang und seine quietschende Mundharmonika (und ganz besonders seine zahlreichen furchtbaren „His Bobness“-Fans da draussen in den Komfortzonen und Musikmagazinen) schwer auf die Nerven gingen – doch noch der Kunst dieses Mannes mehr abgewinnen würde können als das unbestimmte Gefühl, er würde irgendwie doch auf meiner Seite stehen, kann ich nur mit „Ja, ich muss mir Sorgen machen“ beantworten.

Denn mit Verwunderung stellte ich unlängst fest, dass mir nicht nur “Subterranean Homesick Blues” auf besagter Party gefiel, sondern mir ebenfalls sein aktuelles Alterswerk „Modern Times“ über die Maßen gut gefällt. Obwohl dort nicht ein einziger irgendwie neuer Ton zu finden ist, wie ich im MOJO nachlas und wie es mir auch Bekannte und Freunde versicherten. Mir fehlen noch etwas die Worte für meine wundersame Konvertierung, kann aber schon mal folgendes behaupten: Bob Dylan singt so gut und so unnervig, wie ich ihn noch nie gehört habe; Bob Dylans blind eingespielte Band schüttelt die alte, alte, alte Musik so dermaßen unanfechtbar aus den Instrumenten, dass man den Glauben an den musikalischen Fortschritt nicht nur verlieren kann, sondern notwendigerweise auch mit Freude verlieren MUSS; Bob Dylan scheint völlig unabhängig vom Erwartungsdruck seiner blöden Fans, dem Spott seiner Gegner und anderen möglichen Gefahren wie Sinnkrisen, Schreibhemmungen oder Tournee-Burn-Outs einfach die virtuoseste nicht-innovative Musik zu machen, die man in der Gegenwart aus amerikanischer (im weitesten Sinne) Folkmusik herausholen kann. Warum „Modern Times“ 2006 in der SPEX noch nicht mal eine einzige Erwähnung fand, ist mir ein echtes Rätsel.

6 Gedanken zu “Bob Dylan: Knietief in oooold Music

  1. mir geht das ja ähnlich, aber meine bewunderung für bob dylan bleibt leider immer wieder bei "subrerrenean homesick blues" (dem stück) stecken. vielleicht muss man ja dazu einfach nur älter werden 😉

    eines nur: hättest du das mit der spex-erwähnung nicht selbst machen können? du warst doch bis vor kurzem selber noch "drin".

  2. Für eine Erwähnung und/oder Rezension von "Modern Times" habe ich die Platte einfach zu spät für mich entdeckt. Sonst hätte ich sicher versucht, dazu auch was in der SPEX zu schreiben. Meines Wissens wurde aber "Modern Times" noch nicht mal zur Rezension ausgelobt, ich kann mich da aber auch täuschen.

  3. … und Oliver Tepel hatte sie in den Jahrescharts. Das ist mir aber zu wenig, so im Nachhinein ('im Nachhinein' ist so ein Begriff, bei dem ich plötzlich Zweifel bekomme, ob er im Österreichischen überhaupt bekannt ist. Ist er?).

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