24/09/2020

CAPTAIN BEEFHEART & HIS MAGIC BANbin der spiegelmann schau den spiegel an






CAPTAIN BEEFHEART & HIS MAGIC BAND
mirror man
1967 (VÖ 1971)

Mirror Man steht (und fällt? Nein, es fällt tatsächlich nie.) mit Drummer John French a.k.a. Drumbo, der mindestens so viele Hände zu haben scheint wie die hinduistische Göttin Durga. Die meisten benötigt er zum Spielen, aber ein paar Hände hat er auch frei, um sie denjenigen zu reichen, die bereit sind, sich von ihm durch die vier 8-19 Minuten langen Tracks von Mirror Man führen lassen.

Man sollte dieses Angebot annehmen und Händchen haltend durch den aufgeräumten Irrgarten schlendern, den Beefheart und seine Magic Band 1967 anlegten, denn tatsächlich erschliesst sich Mirror Man sehr schnell, wenn man sich nur auf Drumbos furioses Schlagzeugspiel konzentriert. Dann zieht er einen durch die Tracks wie eine nach bestimmten, nicht ganz durchschaubaren Mustern geknotete Schnur, während man die Gitarren links und rechts als inspririerten Improv-Zierat nur noch halb bewusst mitbekommt. Der Bass walkt derweil den Humus durch, während sich der Captain als Howlin-Wolf-Impersonator durch das Gestrüpp harpt, singt, musettet und knurrt, soweit ihm dabei die damalige Mikrophontechnik zu folgen imstande ist. Drei der vier Tracks sind live im Studio entstanden. Man mag es vielleicht kaum glauben, aber Mirror Man ist eine Blues-Platte. Mayflower Child Met A 25th Century Quaker Blues. Das ist so toll, ich könnte heulen wie Bruce Darnell.

Auf dem Cover sind noch drei weitere unvertonte Gedichte Beefhearts abgedruckt, von denen besonders das längste, I Like The Way The Doo Dads Fly, die Sinne aufmischt. Beefhearts Naturbeobachtungen sind Wahrnehmungsritte durch Flora und Fauna. Sieh in ‘Doo Dads’ durch das Auge einer Libelle im Angesicht von Gottes glücksgrüner Zunge wie ein gigantischer Seestern in Meer und Schaum versinkt. Später (auf Trout Mask Replica) lässt Beefheart die Musik durch ein Fliegenohr hindurch aufnehmen, welches nur durch ein Fliegenauge zu erkennen ist („Master master/ This is recorded thru a flies ear/ And you have to have a flies eye to see it!“, aus „The Blimp“). Auf dem Cover von Trout Mask Replica schaut/riecht/spricht der Captain durch das Gesicht einer Forelle, ein Oktopus denkt in Alliterationen – die Natur-Lyrik Beefhearts ist fern jeglicher Romantik oder Kitschigkeit, sie nimmt mit den Sinnen von nicht menschlichen Wesen wahr. Die Menschheit macht keine glückliche Figur: sie schießt sich als Affenpaar in den Weltraum, bildet seltsame Hybridwesen aus, wird shanghait, beutet die Vorkommen an Erdöl aus (was laut Beefheart nichts anderes als Saurierblut ist) oder muss beinlos am Strassenrand Bleistifte verkaufen. Da ließe sich einiges zu sagen, aber Trout Mask Replica und Konsorten werden auf ‘Lärmpolitik’ bestimmt immer mal wieder durchgemangelt werden.

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