CECIL TAYLOR conquistador!

CECIL TAYLOR
conquistador!
1966

Der Tod von Cecil Taylor und die anschließende Rezeption im Netz und in den Magazinen hat mich aufmerksam gemacht und mein
Interesse geweckt, mich mal mit ihm zu beschäftigen. Ich konnte mich
noch an eine Titelstory über ihn in der Wire erinnern, wo er auch ein
bisschen unfaires Zeug zu Mick Jagger und den Stones gesagt hatte, aber
ich fand es schon erstaunlich genug, dass so ein freier Jazz-Mann wie
Taylor überhaupt Lust hatte, sich die Stones auf ihrer ersten US-Tour
anzusehen. Ich las etwas über „Conquistador!“, Taylors
Band-Platte von 1966, und beschloss, mir die mal zu besorgen. Bei
Discogs gab es sie recht günstig bei einem Händler, bei dem ich eh noch
andere LPs zu bestellen hatte, nämlich ausgerechnet was von den Stones
(„Black And Blue“) und weniger ausgerechnet was von Poly Styrene
(„Translucent“). Ich erwischte ein merkwürdiges Exemplar von „Conquistador!“,
das aus einer deutschen tadellosen Pressung 70er-Jahre-Teldec-Pressung
bestand, die aber in einer originalen US-Hülle steckte. Diese Version
ist auf Discogs dokumentiert, offenbar ist da also jemand aus
Deutschland an die Originalhüllen gekommen und hat sie einfach für diese
Press-Version benutzt.

Ich hatte ein bisschen Angst vor den atonalen Clustern, von denen
öfters im Zusammenhang mit Cecil Taylor geschrieben wird und war
überrascht, wie direkt einen die Musik mitreisst, wie sie immer wieder
den Hunger antreibt wissen zu wollen, wie es weitergeht. Cecil Taylos
knallige Tastenkaskaden kamen mir schon beim ersten Hören unmittelbar
gut, folgerichtig und vertraut vor. Vielleicht mein Rückhören seines
Einflusses auf die Musik im allgemeinen? So weit von -ichsachma- Jerry
Lee Lewis scheint mir das gar nicht entfernt zu sein.

Wenn man vom Rockgetöse kommt, leuchtet es unmittelbar ein, wenn
einfach mal in die Tasten gebrüllt wird. Bammbamm bamm bammbammbamm.
Ansonsten kann Taylor natürlich weitaus mehr, seine Klavierläufe können
Lichtjahre überbrücken und gleichzeitig so subtil sein wie ein geladenes
Elektron. Der Sound hat eine anthrazidene Färbung – ähnlich dem
geheimnisvollen Coverbild – ist dunkel und etwas unscharf und verbasst.
Mir gefällt das, weil eben dadurch nicht der Eindruck entsteht, als
würde hier unter technisch optimalen Bedingungen einfach eine
weitere Blue Note-Platte von Van Gelder routiniert in glanzvollem Sound
bei einer gepflegten Tasse Kaffee serviert. Stattdessen legt sich feiner
hartnäckiger Schmutz auf die Instrumente, wie auf die Umgebung eines
stark befahrenen Zubringerknotens. Der Bass wirkt teilweise wie ein noch
etwas bassigerer Ausschlag allgemeinen Gegrummels, das sich weigert,
einen festen Ort einzunehmen. Sowas zieht magisch an. Cecil Taylor
selbst hätte gerne noch etwas lauter abgemischt werden können.

Cecil Taylor und Andrew Cyrille würde man in „Pacific Rim“ einen Jaeger
anvertrauen, so sehr handeln sie in ständigem Kontakt zueinander. Die
Soli der Mitstreiter nehme ich nicht als Soli wahr. Sie sind eher sowas
wie Motivfinder, Handlungsvorschläge, Strukturreformen und Kommentare.
Sie werden oft aufgenommen oder wohlwollend toleriert und ermutigt.
Immer werden sie respektiert. Schön sind auch die ruhigen Stellen, wenn
es weniger dicht zugeht, ohne das ein allgemeines Energiebritzeln, das
über der gesamten Platte liegt, an Intensität verliert. Saxophone und
Trompete haben immer mal wieder richtig schöne Melodieteile in ihrem
Spiel. Die zweite Seite dann hat eine andere Färbung, ist fordender,
zerriger. Immer in einem dichten, enorm attraktiven Gruppensound.
Exzellente intensive, erstaunlich unnervige Platte.

3 Kommentare

  1. Wunderbar. Zurück. Vielleicht nur für diesen einen Moment. Vielleicht ist danach wieder Stille. Wenn man liebt, braucht man Geduld. Und diese Geduld hat sich gelohnt. Cecil Taylor ist nicht einfach. Ich bin bisher gescheitert. Liebliche Harmonien haben es dann doch oftmals einfacher. Nun, neugierig gemacht, werde ich es erneut versuchen. Worte können manchmal großes Bewirken.

    Danke und herzlichste Grüße
    Andreas

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