28/11/2020

CHARLEY PATTON: kein kind von traurigkeit


Warum habe ich Charley Patton gehört? Weil ich den schmächtigen Mann, der auf dem einzigen mir bekannten Foto von ihm zu sehen ist, nicht mit dem rauen Blues und der aus tiefen Tiefen auftauchenden Stimme zusammen bekomme, die auf der 3er-CD „The Definitive Charley Patton“ zu erahnen ist. Rostige, rauschende Aufnahmen, die Patton in den Jahren 1929-34 aufnahm und die selbst damals nicht dem besten Stand der Studiotechnik entsprachen. War Patton ein Schwarzer? War er ein Weißer? War er ein Native American? Wer war Charley Patton? Man kann es nicht erkennen. Das ist das faszinierende an den alten Fotos und den Shellack-Aufnahmen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts: Sie geben Geheimnisse nicht preis, sie häufen sie im Gegenteil eher an – jedesmal wenn man sich mit ihnen beschäftigt werden es mehr.

Im Booklet (und vor Jahren in der Spex) lese ich, Patton hatte auch noch anderes außer Blues gespielt, aber diese Sachen wurden nicht aufgenommen, denn nur der Blues ließ sich damals verkaufen (und Patton verkaufte sich sehr gut). Diese andere Musik und deren aufkratzende Präsentation muss es gewesen sein, die den ein oder anderen Farmbesitzer dazu bewog, den charmeurenden Patton vom Gut zu werfen, vielleicht weil er um die Moral seiner Arbeiter fürchtete. Patton war auch ansonsten bei Abendveranstaltungen kein Kind von Traurigkeit: Frauen in Gegenwart von ihren Männern anzubaggern, brachte seiner Kehle und seinen Stimmbändern irgendwann eine gefährliche Bekanntschaft mit einem Messer ein. Zu solchen Gelegenheiten spielte Patton sicher nicht Blues, sondern etwas direkter Animierendes zum Tanzen und Betatschen. Vielleicht wabert jene geheimnisvolle Musik noch irgendwo in den schalltragenden Luftmassen des unübersichtlichen Mississippi-Deltas, bereit, eines Tages mit Hilfe seltsamer Akkumulaturen eingefangen zu werden, auf Tonträger wurde sie jedenfalls nicht konserviert. Aus diesem Grund ist „The Definitive Charley Patton“ eines meiner Alben 2008 nicht nur wegen der Musik, die tatsächlich zu hören ist, sondern auch wegen derjenigen, die dahinter zu erahnen ist.

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