25/11/2020

Cpt. Beefheart + The Magic Band: Kaktusfrüchte auf der Radarstation

Captain Beefheart and The Magic Band: Doc At The Radar Station
1980

She can burn (hack) you up (hack) in bed just like (hack hack) she said (hack hack hack) ’cause she’s (hack) a hot head, hot (hack) head (hack hack), hot head. Vor 2 Jahren frisch wiederveröffentlicht, lasse ich keine Grund gelten, sich um die Anschaffung der essenziellen Beefheart-Spätplatten „Shiny Beast (Bat Chain Puller)“, „Doc At The Radar Station“ und „Ice Cream For Crow“ herumzudrücken. Sie sind allesamt eine Zierde für Plattensammlungen, auch derjenigen, die um George Michael, Pet Shop Boys, Prefab Sprout und Blumfeld herum gebaut sind. Gerade solche Sammlungen gehören mal ein wenig durchgerührt.

Endlich wieder einmal liess sich der Captain in dieser späten und letzten Periode seines musikalischen Schaffens seine Songs und Rhythmen von der Natur und den Geräuschen derjenigen Technologien schreiben, mit der der Mensch versucht, sie zu beherrschen. Dem Groove von „Bat Chain Puller“ liegt das Geräusch des Scheibenwischers von Beefhearts altem Volvo zugrunde, das er auf Tape aufnahm, als er an einer Bahnschranke wartete, während der Zug an ihm vorbeirauschte. Ein anderes Mal soll Beefheart der Legende nach einem seiner Musiker den Rhythmus eines neuen Songs erklärt haben, indem er einen Stock gegen die Wand warf. Das zufällige Klacken beim Aufprall auf Wand und Boden bildete dann die Grundlage des Beats. Dann wieder wies er seine Band an, einen bereits vollständig arrangierten und eingeprobten Song (“Best Batch Yet”) in völlig unpraktikabler Weise umzuarrangieren. Nachdem sich die Magic Band verzweifelt und vergeblich daran abarbeitete, durften sie den Song schliesslich endlich wieder so spielen, wie sie es gewohnt waren – mit absolut energischem Ergebnis. Das muss man aber alles gar nicht wissen, um sich auch heute noch von der Ideenflut und der Genauigkeit überwältigen zu lassen, mit der Beefheart gängige Songwriterkunst verhackstückt und in jedem Augenblick auf den Ausbruch vorbereitet. Ich wähle die Beste dieses Dreigestirns in die Hall-Of-Fame der Platten des Lebens, nämlich “Doc At The Radar Station”, die klirrendste, wütenste und krachigste der drei. Der Captain wollte eine Produktion „zweidimensional wie ein Gemälde“, und klopfte daher jedem energisch auf die Finger, der hinter seinem Rücken die Delay-Reglern aufdrehen wollte. Alles Hallige empfand Beefheart als „heavy syrup“. Daher der durstig machende Sound, der auch, den Remastern sei Dank, auf dem Reissue erhalten geblieben ist.

Die Magic Band hatte sich auf Doc At The Radar Station vollständig vom zappaesken Einfluss befreit, der noch ein wenig über dem Vorgängeralbum “Shiny Beast (Bat Chain Puller)” hing. Nie klangen die E-Gitarren kantiger und flächiger als auf “Doc …”, Schlagzeug und Bass trockener: Das ultra-kontrollierte Chaos rockte die Mohave Wüste wie fallendes Geröll. Darüber sang, krächzte, howlinwolfte, jaulte und quäkte der Kapitän seine Verse wie ein aggressiv grantelnder, grauhaariger Kojote. Die Lyrics behandeln wieder einmal die Beefheartsche Sicht von Flora, Fauna, dem Menschentier, seinen Hybriden und dem wenig schmeichelhaften Umgang der ganzen Chose untereinander. Ab und an begleiten eisige Mellotronstreicher des Captains dichterische Stolpersteine. Krude Vergleiche ragen wie Kaktusblüten aus der mit abseitigem Vokabular gespickten Poetik: „You used me like an ashtray heart/ Case of the punks/ Right from the start/ I feel like a glass shrimp in a pink panty/ With a saccharine chaperon“; oder “Lilies leaped like flat green hearts with white hearts/ Squirting yellow pollen…cocks…/ Ferns ran like cool spades…fossils…away from rocks”. Es prasseln Reime auf Reimimprovisationen (“She was the Sheriff of Hong Kong/ I am the Sheriff of Hong Kong Gong (dazu schlägt der Kapitän auf einen chinesischen Gong ein)/ I’m long gone to Hong Kong Kong”) auf wütende Verse („God, please fuck my mind for good/ Making love to a vampire with a monkey on my knee/ Oh fuck that thing…fuck that poem…”).

Zwischendurch sorgten zwei kurze, atemberaubend schöne Instrumentalminiaturen für ein wenig Ruhe im Karton: Gary Lucas erlernte für eines davon eigens eine Fingerpicking-Technik mit allen fünf Fingern der rechten Hand. Gary Lucas: „One of the greatest compliments I received was when Lester Bangs aked me, ‘Which guitar did you play, the top or the bottom?’ upon hearing my solo guitar piece Flavor Bud Living on Doc At The Radar Station. I told him, ‘Lester, that’s all me live – no overdubs.’”

Wer sich je auf Beefhearts hohe tonale Kunst einlassen möchte, dem/der sei als erstes “Doc At The Radar Station” empfohlen und nicht gleich das unbegreifliche “Trout Mask Replica” von 1969. Denn auf “Doc …” ernteten er und seine Mitstreiter das auf den Punkt gebrachte Chaos, das sich die frühere Magic Band (von der auf Doc …” nur noch John French a.k.a. Drumbo dabei ist) mit “Trout Mask Replica” erst noch erkämpfen musste. Daher ist es für den Einsteiger leichter, die vollreifen Kaktusfrüchte des Doktors auf der Radarstation zu kosten, anstatt sich vorher im knorrigen Garten Zur Forellenmaske an überstehenden Baumwurzeln den Knöchel zu brechen, um danach als Folge des Traumas von Beefhearts Musik für immer die Finger zu lassen – wenn ich mich mal kurz in rumpelige Bilder versteigen darf. Was Beefheart an mitreissendem Abstract’n’Roll-Out-Blues-Punk hier abliefert, ist in dieser Form bis heute unerreicht.

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