26/09/2020

Dälek: HipHops entzündetes Nierenkanälchen


DÄLEK: ABSENCE
2004

So wie Lee Perry in der Spätphase der Black Ark – vor deren rätselhafter Zerstörung – Reggae weit hinter sich ließ, so lassen Dälek auf Absence HipHop weit hinter sich. Geschwindigkeit spielt keine Rolle mehr, Abwechslung spielt keine Rolle mehr, Track spielt keine Rolle mehr. Jede Zelle, und mit ihr jeder Frame, enthält die gleiche Anzahl an Informationen, trotzdem sind sie unterschiedlich ausdifferenziert – sie spezialisieren sich in Stress-Zellen, Klopf-Zellen, Silbenausstoß-Zellen. Zellkonglomerate bilden erste Organe (noch) unbekannter Funktion. Ein Sound ohnegleichen, orientiert an Drones und dem Grundrauschen der Blutbahnen des Körperkreislaufs, mit speziellen Mikrophonen zum Ohren zuhalten verstärkt. Oder sie erinnern an die nicht enden wollenden Abrasionsgeräusche metallverarbeitender Maschinen, von Menschen bedient, die sich keine Krankenversicherung leisten können. Konsequenterweise klingt das Schichten industrieller Fertigungsgeräusche wie der Aufschrei tausender gequälter Seelen.
Manchmal sticht der Sound auch wie ein entzündetes Nierenkanälchen, das am Herauspressen des Primärharns gehindert wird.

Am Ende, wenn man durch die sprachlosen Schreie der Maschinen durch ist, zerwalkt und verklopft von Oktopus’ Beat, dann wartet auf dem vorletzten Stück „Ever Somber“ der Urahn von Absence: Es ist die Orgel von Sister Ray, die Tasten mit Hochleistungsklebeband in den ewigen Anschlag gezwungen. Fantastisches Werk, das dort wo es weh tun sollte, am meisten Spaß macht.

Unvorstellbar, dass nur zwei Menschen dieses Monster erschaffen haben. Daher erwähne ich sie alle hier noch einmal, denn ich vermute stark, dass Absence nicht Absence geworden wäre, hätte man auch nur eine einzige Einzelheit des tonalen Zellverbands verändert:

Alap Momin + Will Books: Engineers
Alap Momin + Jesse Cannon + Josahua Booth: Mixing Engineers
Alan Douches: Mastering
Dälek + Oktopus + Joshua Booth: Writer + Producer
Still: All cuts
Oddateee: Background Vocals on “Culture for Dollars”
Dälek: MC
Still: Turntablist

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