01/10/2020

DEERHOOF bekannt verzogen

DEERHOOF deerhoof vs. evil
2011[cover-rückseite]

Die Rezeption von Deerhoof ebbte mit dem Erscheinen von „Deerhoof vs. Evil“ Anfang des Jahres in den einschlägigen Blogs/Mags ziemlich schnell ab, schien es mir. Ich las leise Enttäuschung daraus – trotz der Titelgeschichte im WIRE (dessen positiver Grundton von der darauf folgenden Rezension wieder relativiert wurde). Wahrscheinlich erwartete man einen ähnlichen Klopfer wie den Vorgänger „Offend Maggie“, der mit dem Neuzugang von Ed Rodriguez als zweitem Gitarristen großenteils mitreißenden Beefheart-Rock zum Besten gab, bei dem das polyphone Spiel von Drummer Greg Saunier sowieso den Verdacht nahe legte, er wäre in den Besitz geheimer Schlagzeug-Pattern von Magic-Band-Drummer John French gelangt.
„Deerhoof vs. Evil“ wirkt im Vergleich dazu auch erstmal etwas ernster, mehr wie eine einzige, während einer Außendiensttagung in Arbeitsgruppen zusammengesetzte Pachwork-Komposition. Auch die helle, dünne Stimme von Satomi Matsuzaki, der schon mal vorgeworfen wird, sie klänge eindimensional und affektiert naiv („one dimensional cutesy-poo vocals“ WIRE, März 2011) trägt nicht unbedingt dazu bei, eine gewisse Angestrengtheit zu verbergen.
Trotzdem ist es nicht ganz fair ist, Satomi Matsuzaki ihre Bubidu-Stimme vorzuwerfen. Denn sie steht im interessanten Kontrast zum gegenläufigen Krach und den kleinen Zickigkeiten, die auch auf „Deerhoof vs. Evil“ wieder um sich greifen, aber eben kleinteiliger und präsenter als auf dem rifforientierten Vorgänger. Ganz harmonisch passt die Stimme natürlich zu den gar nicht mal so selten Bossanovismen, die sich in die Arrangements schleichen wie ein verdeckt arbeitendes Ermittlerteam, das plötzlich öffentlich zuschlägt. Vielleicht ist diese Kleinteiligkeit wirklich ein Ergebnis der vergrößerten räumlichen Trennung der Band, sind sie doch mittlerweile vom heimischen San Franzisko aus in alle Winde verstreut worden (New York, Tokyo, Wisconsin, Oregon).
Und so schultern Deerhoof ihren Sound anders als vorher. Etwas pathetisch formuliert: Die Fackel der Perkussion – auf „Offend Maggie“ noch mehrheitlich von den Drums gewuppt – wird hier auf alle Instrumente übertragen. Es werden sozusagen kleine Perkussionsfackeln gezündet. Jawohl, sie leuchten mit entzückenden – zum Glück auch manchmal ungesunden elektronischen – Farben!
Großes Lob von meiner Seite für die vinylfreundliche Kürze des Albums. Bei einer Spielzeit von gerade mal 30 Minuten schmeckt jeder Soundhappen hier noch mal so gut, so tief, so hoch, so bass. Also an all die Trillionen Musiker da draußen, die diesen Blog lesen: Macht Alben, die 30 Minuten gehen. Gerade in der heutigen Zeit, in der ja bekanntlich immer alles schnell, schneller, schnellerer geht, müssen auch Alben schnell, schneller, schnellerer zu Ende gehen. Kein Schwein hört mehr als 30 Minuten dieselbe Musik! Eigentlich reichen 15 Minuten auch. Also eine LP-Plattenseite. Man kann sich erstmal ausruhen und dann die Plattenseite umdrehen, wenn man noch Lust dazu hat. Wer keine LPs kauft, kann auch die CD umdrehen, oder den i-Pod. Dreht den Computer um! Seid kreativ! Nutzt die elendigen Produkte der Warenwelt entgegen ihrem bestimmungsgemäßen Gebrauch! Seit wie Deerhoof und kämpft gegen das Böse!

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