24/09/2021

ein paar gedanken zum tod von CHARLIE WATTS

Niemand trug 1975 die Haare so kurz wie Charlie Watts. 1975 hatten alle Erwachsenen lange Haare. Zumindest alle in der westlichen Welt. Selbst diejenigen Männer, die fast gar keine Haare mehr hatten, hatten lange Haare. Sie quollen ihnen einfach ungetrimmt über Ohren und Nacken. Charlie Watts trug kurze Haare. Richtig kurze Haare. Selbst die Pistols und die Clash trugen anderthalb Jahre später als Punks längere Haare als Charlie Watts. Schaut euch mal die Bilder aus der Zeit an, als Punks zum Plattenvertragunterschreiben ein Presse-Event veranstaltet bekamen. Das sollen kurze Haare gewesen sein? Lachhaft.

1975 waren die Stones auf Tournee in Amerika und ließen sich dabei von Annie Leibovitz fotografieren: “The Rolling Stones on Tour”. Es gibt eine Seite in dem Buch, wo triste Hotelgänge abgebildet sind. Die Seite trägt den Untertitel „Hotel Nowherelands“. Auf einem davon sieht man Charlie Watts, wie er durch eine lange Flucht läuft, im sachlich-dunklen Business-Jackett, die kurzen Haare erwähnte ich bereits, feingewebter schwarzer Pullover, helle Stoffhose, Lederschuhe, der Blick gedankenverloren nach unten gerichtet, während um ihn herum der Rock’n’Roll tobt. Dieses Bild von Charlie Watts wird immer ein Bild sein, das ich von ihm behalten werde.

Für mich wurde er erst ab 1968 zu einem wirklich herausragenden Drummer mit eigenem Stil. Bis dahin war er natürlich schon gut. Er konnte schnell spielen, er konnte präzise spielen, auf ihn war Verlass. Laut Watts war es dann Produzent Jimmy Miller, der ihm beibrachte, dass ein Schlagzeuger im Studio anders spielen muss als auf der Bühne. Das war zu den Aufnahmen von Beggars Banquet.

Seitdem spielte Watts akzentuierter, baute gewaltige Breaks ein, addierte zu seinem präzisen Stil dramaturgisch gesetzte Spins, die manchmal nur ganz kurz waren, teilweise so spät im Takt ansetzten, dass man gar nicht mehr glauben konnte, wie er das wieder hingezogen bekommen würde. Momente, die die Sinne zum Taumeln bringen. Ohne ihn hätte der Street Fighting Man die Barrikaden noch nicht mal von Weitem gesehen, wäre Sister Morphine in der zweiten Hälfte im eigenen Drogenkoma versunken, der Loving Cup wäre ohne Watts autoritäre Tom-Schläge nicht an den energisch fordernden Jagger weitergereicht worden.

Seine vielleicht größte Erfindung war das Discopunk-Schlagzeug auf Some Girls. Nur Watts ist es gelungen, Disco mit solch eleganter Brutalität aufzuladen. Schläge wie Peitschen, Breaks schnell und trocken, man konnte es mit der Angst bekommen. Ich frage mich noch heute, wieso dieser Sound nie wieder von anderen aufgegriffen wurde.

Zwei Sachen vielleicht noch, die ich ebenfalls an ihm geschätzt habe: Erstens dass er zusammen mit seiner Frau einige Hunde adoptiert hat – Shirley Watts ist im Tierschutz aktiv. Und zweitens bin ich ihm dankbar dafür, dass er nicht der Meinung war, ein Musiker einer berühmten, in den 1960ern gegründeten Rockband müsse zwingend damit prahlen, in der Gegend herumgefickt zu haben.

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