19/09/2020

ELP und HAUNTED MUSIC


Dies ist der zweite Teil der sporadischen Kolumne ‘Musik zu aktuellen Zeiten trifft Musik zu Urzeiten’.

POCAHAUNTED

“Tarkus” von Emerson, Lake & Palmer? …Hm… Was sagt der AllMusicGuide? Denn – unter uns – ich habe diesen aufgeblasenen Quatsch seit 19 Jahren nicht mehr gehört. Es können auch 29 sein. So genau weiß ich das nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie “Tarkus” klingt. Auf alle Fälle schwierig und lang. Sehr lang. Ich habe versucht, die Platte bei ebay zu ersteigern. Aber ich merkte schnell, dass meine Preisvorstellung unterhalb des Mindestportos lag. Egal. Emerson, Lake & Palmer sind keine Gruppe, die heutzutage in Musikcheckerkreisen Punkte einbringt. Das muss als Charakterisierung genügen.

Ich gehe trotzdem an die Öffentlichkeit Mitteleuropas, um zu sagen: Es ist OK, Tarkus im Schrank zu haben, sie ausgewählt zu haben und die lange Titel-Suite durchgehört zu haben. Denn jeder sollte mal in früher Pubertät durch ein langes Hochkultur-Prog-Epos durch. Und wenn auch nur zu dem Zweck, sich entweder von derlei Kraftmeierei nachhaltig einseifen zu lassen oder für den Rest des Lebens mit Grausen abzuwenden. Man muss gar nicht tief in die miefige Grabbelkiste von 1970er Progrock greifen, um eine der beiden Initialerfahrung zu machen. Denn was damals ELP im Angesicht von großkotzigen 16-Tonnen-Synthesizern, Drum-Batterien und Klimper-Bombast in zig Monaten Studioarbeit umringt von einer Kohorte Tontechniker fabrizierten, das spielt heute eine Math-Rock-Band wie Mars Volta zum Aufwärmen im Tourbus.

Mittlerweile sind lange Tracks sowieso wieder eine völlige Selbstverständlichkeit, zumindest wenn man sich beispielsweise für Freeformrock-Kollektive aus Oregon interessiert oder die geisterhaften Gebiete erforscht, in denen Leute wie Pocahaunted, Sylvester Anfang II oder LA Vampires & Zola Jesus unheimlich herumhuschen. Dooms und und Drones gehen ja auch locker mal über eine Stunde. In jener haunted music wird nicht gekraftmeiert, sondern eine sehr spezielle Körperlosigkeit und Stase hergestellt, die – das ist meine Theorie und außerdem ein völlig anders Thema – viel gemein hat mit der Körperlosigkeit des Internets.

“Tarkus” dagegen ist uraltes, anachronistisches Technokratenhandwerk. Ist wie Zuckerwatte mit Löffel essen: schwierig und verzichtbar. Ist: Schaut, was ich alles an der Orgel kann! Rock ist gar nicht simpel, sondern schwierig wie Klassik. Wir können das technisch spielen, ihr nicht. Ätsch! Mehr steckt nicht dahinter, außer vielleicht eine gehörige Portion Eigentestosterondoping.
Zum Plot (denn ohne Plot kein Prog): “Tarkus” ist eine Art lebender Panzer mit Hybridmotor, der allerlei abenteuerliche Kämpfe auf dem aufklappbaren Albumcover besteht. Gegen andere lebende Hybrid-Panzer-Wesen, die mit Kanonen, Raketen, hakenbewehrten Eisenkettenschwänzen und ähnlichem bewaffnet sind. Stellvertretend habe ich versucht, dieses Panoptikum an Fabelwesen durch eine Briefwaage zu versinnbildlichen (siehe Foto).

Tarkus besiegt die Maschinenwesen jedenfalls fast alle und zieht buchstäblich kopflos auf dem letzten Bild von dannen. Wahrscheinlich sehr einsam. Kann sich ja jeder ausmalen. Wir lebende Panzer hauen uns gerne zu Klump, sind aber danach ganz schön traurig, weil wir einsam zurückbleiben. So in der Art etwa. Das ist das sehr bedeutsam, klar. Konzept. Komme mir keiner mit: Ihr müsst euch ja nicht prügeln. Sooo einfach ist das nicht. Was soll man denn machen, wenn man statt Arme nur Kanonen hat? Dann muss man ballern. Keine Widerrede. Haudraufundschluss.
Mittlerweile habe ich die ganze Platte doch mal wieder gehört, um der journalistischen Sorgfaltspflicht zu genügen. Auf der zweiten LP-Seite gibt es ein paar hübsche und weniger klotzig-lange Songs zu hören, von denen ich das leicht ironisch fließende “Jeremy Bender” sogar sehr gelungen finde. Greg Lake singt dort gar ein bisschen wie John Lennon, wie ich gerade in diesem Moment zu meinem Erstaunen feststellen muss. Bitte trotzdem nicht mehr Geld für “Tarkus” ausgeben, als eine Briefwaage wert ist.

Tarkus-Suite:

Jeremy Bender

Pocahaunted:

Die tollen LA Vampires & Zola Jesus: zwar nicht lang, aber haunted

Sylvester Anfang II:

Mars Volta

6 Gedanken zu “ELP und HAUNTED MUSIC

  1. und noch ein kommentar…
    als ich gestern, die ganzen neueinträge mit begeisterung las, habe ich nebenher auch auf den ein oder anderen play-button gedrückt. elp habe ich schnell wieder ausgemacht, aber für la vampires and zola jesus war ich sofort feuer und flamme. warum gingen die beiden an mir vorbei? nun, wohl weil mir zur zeit fast alles an neuem viel zu langweilig (und zu oft gehört) erscheint. nicht so die beiden. zwar erinnert man sich sofort an frühe cocteau twins oder ähnlichen fürsten der dunkelheit, aber da ist auch eine gewisse portion der großartigen colourbox dabei. mark stewart wohl auch. auf jeden fall habe ich vor lauter begeisterung und lass mich auch mit, die platte unverzüglich bestellt. in diesem sinne, vielen dank für diesen tipp.

    viele grüße

    andreas

  2. LA Vampires & Zola Jesus ist auch noch ziemlich frisch. Ich habe sie ganz profan über die aktuelle WIRE entdeckt. Finde ich auch absolut ausgezeichnet. Ich würde zu deinen Assoziationen noch Dub hinzufügen. Sie haben auf dem Album ja auch einen alten Reggae-Soul-Heuler gecovert: "No, No, No …". Wirklich tolles Album.

    Danke für deine substanziellen Feedbacks!

  3. genau, dub. deshalb fielen mir auch sofort colourbox und mark stewart & mafia ein, bei denen dub ein bestandteil der musik war. die atmosphäre auf deren damaligen scheiben ähnelt dem, was ich bisher von la vampires & zola jesus gehört habe.

    wire lese ich nicht. nicht weil ich wire schlecht finde, nein, ganz im gegenteil, aber ich wollte nicht noch einen stapel papier ansammeln. die knapp 26 jahre spex sind schon genug. und spex nicht mehr zu lesen, bekomme ich auch nicht übers herz oder besser gesagt: in manchen beiträgen ist sie für den deutschsprachigen raum dann doch immer noch wichtig. was die musik betrifft, deckt sie allerdings kaum noch meinen bedarf. aber das ist dann halt mein problem (siehe la vampires & zola jesus).

  4. ich habe es nach dem wechsel der spex nach berlin dann recht schnell geschafft, spex nicht mehr zu lesen – nach immerhin 22 Jahren als leser und davon die letzten vier Jahre auch als schreiber. gar nicht mal, weil ich sauer über den redaktionswechsel war (ich wäre nach einer gewissen zeit darüber hinweggekommen), sondern weil ich spex seitdem ob ihrer arroganten drögheit und verkniffenheit nicht mehr zu lesen imstande bin. arrogant war die spex früher auch oft, aber sie hatte fast immer auch den humor, der mir diese arroganz sehr erträglich machte. davon spürte ich dann ab der berlin-spex nichts mehr. daher brachte ich es dann doch leicht übers herz, adé zu sagen. stattdessen dann eben ein wire-abo und seit einem halben jahr habe ich für das rockschwein in mir auch die mojo abonniert. was beiden mags leider großenteils abgeht: übergeordnete zusammenhänge konstruieren. man bleibt halt doch im kontext der musik – im fall der mojo auch im kontext der abgesicherten, rockhistorischen betrachtung – was ich zwar gar nicht schlimm finde (mache ich ja auch oft so), aber manchmal wünsche ich mir eben auch den etwas übergeordneteren blick, den spex früher mal mehr mal weniger unterhaltsam und originell zu leisten vermochte.

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