29/09/2020

Feldforschung, Teil 3654.

Diesmal: Wer sind denn nun die Electric Prunes wirklich im Verhältnis zu den Flaming Lips? Die frühen Primal Scream oder die späten Plasticland? Der mittlere Jan Jelinek (von La Nouvelle Pouvrete bis Kosmischer Pitch) oder doch eher der mittlere Manitoba (Up In Flames)? Im Zuge meiner Erforschungen bin ich auf eine Live-Platte der Electric Prunes gestossen (Live in Stockholm ’67), die die Band als gitarrenpedalige Blues-Fuzzkrach-Rocksoli-Band zeigt. Ich wittere dort schon ein paar Hard-Rock-Moleküle, habe im Moment aber auch einen extrem sensiblen Riecher. Eine der seltenen Beispiele, die zeigt, wie eine Band ständige Gitarrensoli spielen und trotzdem tight und together klingen kann. Durchaus lohnend. Sind auch alle Hits drauf (sind ja nur zwei, die aber dafür auch gigantisch gut sind). Was die Prunes übrigens wirklich gut konnten auf ihrer Debut-Platte (I had too much to dream last night), das waren Songanfänge (eine echte Kunstform der Popmusik). Haben viele gute Momente gehabt, die Jungs, auch wenn’s manchmal etwas bergab ging.

Das Alphabet will es so, dass nach dem anhaltenden Geklatsche des Stockholmer Publikums am Ende des Electric Prunes-Gigs eine weitere Band mit „E“ kommt. Die Espers, deren zweite Platte II ca. 40 Jahre nachdem die Prunes in Schweden waren, meine Platte des Jahres 2006 ist, falls nichts mehr dazwischen kommt. Ich habe sie in diesem Jahr wohl hundert Mal gehört (und ca. 99 Mal die aktuelle Roddie Frame, tja). Und sie passt nicht etwa deswegen, weil sie wie die Prunes fälschlicherweise als Hippiekram abgetan wird, sondern weil beide elektrisch statt akustisch klingen (was bei der ersten Espers so noch nicht der Fall war, wiewohl die schon dort toll sind). Für mich ist Espers II große Kunst des sanften Horrors. Lasst euch bitte nichts erzählen von wegen Weird Folk Movement oder so (spiegel online kocht die ganze Folk-Mischpoke gerade wieder zu einem (verschlafenen) Trend ein). Die Espers sind eine eigene, moderne American-Tender-Gothic-Folk-Klasse für sich. Also Espers auf 1, Roddie Frame auf 2. An dritter Stelle kommen dann die Seeds – haha, nein, nein, an dritter Stelle kommt Burial. Ein treuer Begleiter in den fünf Wochen, die ich dieses Jahr in und um München verbrachte. Am Ammersee liegen, 90 Minuten S-Bahn zum Flughafen oder im Hotelzimmer ohne TV-Ton die WM anschauen – egal, Burial-Industrial-Sherwood-Like-Dub ging immer. Platz 3.

Platz 1 des besten (Teenager-Psychedelic-Punk-)Rock-Live-Albums aller Zeiten geht allerdings wirklich an die Seeds – mit „Raw & Alive“. Da reichen die Electric Prunes in Stockholm nicht heran. Wild, raunchy, sexy. Auch wenn das Teenagergekreische reingemischt wurde, soweit ich mich erinnere. Es klingt wie kollektiv ausflippendes Stadion, ist aber auf einer Clubtour aufgenommen. Macht aber nichts. Mitreissend, großartig, schnell, abwechslungsreich, sägend. Die Seeds sind hier einmalig gut. Immer noch und immer wieder. Zum schwindelig werden gut. Hört den Scheiß an! Jede Sekunde ist lohnend. Gott, was war das für eine Band in den ersten Jahren! Was hatten die für Songs, wie konnte Sky Saxon singen! Dagegen wurde definitiv Punk nicht erfunden. Und ich habe sie zu jedem Zeitpunkt verteidigt, egal, ob die Sechziger Jahre gerade weit, weit weg waren, oder ganz nah.

Hört mehr John Fahey. Und lest seine Erzählungen. Mein Banjo-Performance-Konzept steht schon. Ich muss jetzt nur noch Banjo spielen lernen. Hört auch bitte das Fahey-Tribut „I Am The Resurrection“.

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