23/09/2020

GENE CLARK: ölige salbung

GENE CLARK: no other
(1974)

Eine der schönsten, in der Produktion teuersten und songstärksten Platten, die in das Beuteschema „Platten von Kokain-Cowboys der 1970er Jahre“ passt, ist “No Other” von Gene Clark, dem trinkfesten, zu mentalen Totalausfällen neigenden, enorm talentierten und unter Drogeneinfluss nach Zeitgenossenberichten leider unerträglichen Gitarristen, der auch mal bei den Byrds keine so unwichtige Rolle spielte.

An keinem Ort finde ich eine feinpelzigere Produktion und einen schmeichelwärmeren Gesang, eine schwebendere Glätte und erhabenere Schweinesoli, wie auf “No Other”, das Clark zusammen mit seiner ebenfalls nicht immer ganz ohne mentale Zusatzstoffe auskommenden, abgezockten Studiomannschaft unter Zuhilfenahme einer sechsstelligen Dollarsumme künstlerisch hochgelungen finanziell in den Sand setzte. Ein Sound wie (auch mal pedal-steel-bewimmerter) Bakersfield-Country meets mondäne Hollywood-Party in einer weißen Bauhaus-Villa der 1920er Jahre. Die Pedal-Steels müssen – ich bin mir absolut sicher – mit goldenen Bünden und perlenreichem Geschmeide aufgemotzt gewesen sein. Und stand in der Villa vielleicht ein alter Synthesizer rum, einer von den Dingern, die sich damals eigentlich nur Abba und Stevie Wonder leisten konnten? Um das Maß voll zu machen, wurden engelsgleiche Backgroundsängerinnen aus dem Emo-Himmel deiner Wahl eingeflogen. Auch wenn ich nur wenige Post-Byrds-Platten ehemaliger Mitglieder kenne, kann ich mir kaum vorstellen, dass diese ölige Superlativ-Platte davon getoppt werden konnte.

Für mich steht „No Other“ daher auf einer Stufe mit den Großwerken der Byrds, „Younger Than Yesterday“ und „Notorious Byrd Brothers“, aber eben ohne jeglichen Bodenkontakt oder romantische Landfluchten. Klar bin ich unsachlich, denn ich höre das Zeug von „No Other“ gerade und denke fortwährend Sätze wie „Ah, diese tolle ange-wahwah-te Schweinegitarre!“, „Oh, dieser getragen-schwelgerische Gesang, der nicht von wachem Verstand und nüchterner Welt ist!“, „Und dann die Uuhs, die Aahs, die Oohs, die – ach! – alles ist buchstäblich ‘No Other’!”.

„No Other“ gibt es sicherlich als mega-remasterte Sonderedition mit zig Bonustracks und Hintergrundinfos und diversen Pipapos bestückt als CD-Box zu kaufen (schreibe ich mal gänzlich unrecherchiert). Ich habe sie aber als schnödes, ungefähr 1979 nachgepresstes LP-Vinyl, das ungefähr so dünn ist, wie ich mir eine Kokainlinie vorstelle.

… und während ich obigen Text zusammenkleisterte, kam mir der Gedanke, dass „No Other“ eine ideale Konsensplatte für das Leserforum einer beliebigen, überegionalen Tages- oder Wochenzeitung abgeben würde. Denn spricht das „spirituelle Meisterwerk“ (Rolling Stone) nicht besonders die zahlreichen des Glaubens gläubigen Forum-User der – sage ich mal – ZEIT an? Ist nicht auch der ein oder andere Drogie unter den Usern, der gerne mal unter Einsatz des Inhaltes einer Rotweinflasche seine Kommentare formuliert, und der dadurch auch die umnebelte Verfassung goutiert, unter der große Teile von „No Other“ entstanden sein müssen? Und welcher schwule Aktivist oder welche lesbische Aktivistin kann ernsthaft Gene Clark widerstehen, wie er mit fettem Maskara, Gesichtstusche, totaler oversized Seidenhose, Flatterbluse (mit Bauchnabelknoten) und Perlenkettchen ganz zart auf der Cover-Rückseite posiert?

Und macht nicht der Boxergürtel zur Rechten (siehe Scan links) eine gute Figur, vielleicht auch bei Machos und auf Harteier stehenden Frauen? Und ist der Boxergürtel in Wirklichkeit nicht vielmehr ein Strapshalter? Könnte das Vintage-Cover der Vorderseite nicht eine Zierde für den Kamin jedes ZEIT-lesenden Innenarchitekten und Historikers sein? Ist nicht überhaupt das unter dem Strich viele Sünden in sich vereinende Meisterwerk auch als Paradebeispiel für den verderblichen Westen zu lesen, so also auch dem einen oder anderen Muslim als abschreckendes Anschauungsmaterial willkommen?

Ich denke: “Ja, das könnte durchaus sein”. Gehet nun in Frieden und pfeift euch rein, was ihr meint, euch reinpfeifen zu müssen. Überlegt euch aber auch, ob das wirklich eine so tolle Idee wäre.

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