Luftgetrocknet
Im launig zu lesenden Prog-Buch von Mike Barnes A New Day Yesterday, las ich die Geschichte, dass Genesis zusammen mit Designer und Maler Paul Whitehead entschieden hatten, das geplante Coverbild für Nursery Cryme noch etwas mehr auf alt zu trimmen.
Whitehead fake-datierte daraufhin das frisch gemalte Gemälde auf 1871 und behandelte es mit einem honiggelben Lack, um die Illusion von vergilbter Farbe zu erzeugen. Dann legte er es zum Trocknen nach draußen an die frische Luft, um kurze Zeit später schockiert festzustellen, dass sich Insekten auf der klebrigen Oberfläche niedergelassen hatten. Die Entscheidung war, das Bild trotzdem zu verwenden. So sind also die Insekten auf das Cover gekommen. Man erkennt sie auf der Cover-Rückseite am oberen und unteren linken Rand.

Es gab Zeiten, da hätte ich diese kleine Anekdote für das interessanteste gehalten, das mir die Genesis-Welt bereithalten könnte. Diese Zeiten umfassen viele Jahrzehnte. Doch seit Anfang letzten Jahres habe ich winzige, versteckte Genesis-Rezeptoren in mir entdeckt. Es gelang, sie zu aktivieren. Sie sprangen besonders auf recht viele Tracks von The Lamb Lies Down On Broadway (1974) an. Jenes Doppelalbum, mit dem sich Sänger Peter Gabriel vom Rest der Band verabschiedete, die umgekehrt seine ungemütlichen Forschungen in den tiefen Kellern der Seele auch nicht mehr so ohne weiteres zu folgen bereit war.
The Lamb Lies Down On Broadway
The Lamb Lies Down On Broadway könnte denjenigen, denen Genesis-Alben nicht gefallen, gefallen, falls man was übrig hätte für, äh, für, äh, ich sag mal grob für Peter Hammills Nadir’s Big Chance oder David Bowies 1. Outside oder Low oder John Cales Helen Of Troy. Den ersten beiden ähnelt es in den tieferen Ausgestaltungen psychologischer Welten (auch musikalisch gibt es Ähnlichkeiten, eine gewisse Erdung, wenn auch auf psychologisch rutschigem Terrain), in Low finden sich ähnliche „Enossifications“, ein besonders exklusiver Credit auf The Lamb Lies Down On Broadway, wie ihn natürlich nur Brian Eno bekommen kann: Ab und an, besonders in der zweiten Hälfte von Lamb, wo es in die tunneligen Untergründe geht, da stehen Enos Sounds und winken kurz mal in aller drohenden Eiseskälte zu uns und dem Protagonisten herüber. Und Helen Of Troy hat beides: Enossifikation und Psycho-Tunnel.
I Can’t Dance
Meine Wertschätzung von „I Can’t Dance“ ist ernst gemeint. Ein gutes Motiv, diszipliniert und reduziert umgesetzt, und mit den kleinen Verzögerungen, Auslassungen und späteren Auflösungen hat es einen ganz eigenen Funk. Phil Collins, der „bloke next door“ (Collins über Collins), inszeniert sich als in Beobachtung gefangener Strandverkäufer. Tanzen kann er nicht, singen kann er nicht, aber immerhin gehen kann er (noch, denn Jahre später kann er auch das nicht mehr). Ich bin überrascht, dass dem Track oft soviel Unsympathie entgegengebracht wird. „I Can‘t Dance“ ist um einiges besser als zum Beispiel die Stadionfutter-Vollkatastrophe namens „Start Me Up“ einer erfolgreichen britischen Rhythm & Blues Band aus Nord-London.
Prog
Prog ist ja vieles. Deswegen taugt es weder als Kritik an den späten Genesis, noch als Verteidigung der frühen Genesis. Das was meist von nicht in den Schaffensprozessen involvierten Hörern allgemein als Prog kategorisiert wird, kann ja in Wirklichkeit nicht unterschiedlicher sein. Da wird gewispert, geklotzt, getürmt, verstummt, entstellt, becirzt, überrumpelt. Kleine Dinge beobachtet, und große Entwürfe geklotzt, die Oper zu Rate gezogen oder auf modernste Elektronik zurückgegriffen. Ein Genre, das in seinen besten Ausprägungen immer mehr wollte als nur zu reproduzieren, sondern das Ziel hatte, etwas zu entwerfen, was vorher noch niemand – auch die Kollegen der Prog-Mitbewerber nicht – erschaffen hat. Es gibt die Prog-Hölle, aber es gibt auch den Prog-Himmel.
Trespass
Trespass finde ich noch etwas unausgegoren. Selbst das oft gelobte „The Knife“ überzeugt mich nicht wirklich. „Stagnation“ (das lustigerweise zu einem früheren Zeitpunkt seiner Entstehung nach dem Gegenteil benannt war: „Movement“) gefällt mir am besten.
Mama
Da ich „I Can’t Dance“ mag, letztens auch plötzlich „Mama“ mochte, zudem ein Freund mir noch das Abacab-Album nahelegte und es vor einiger Zeit ein interessant zu lesendes Review auf pitchfork zu Duke gab (8 von 10 Punkten), muss ich mich wohl doch noch näher mit den Stadionstarruhm-Genesis ab den 1980er Jahren beschäftigen. (Was ich dann tat und es wieder sein ließ.) Mit „Mama“ hat sich bei mir etwas festgesetzt, was selbst meine Mutter mir nicht hätte erklären können, die sich ansonsten aber auch null für Musik interessiert hat – bis auf den einen Fall, wo sie sich mal „Butterfly“ von Daniel Gerard im Kaufhaus Fleischer als Single gekauft hat, aber in der Hülle dann Eric Burdon & War steckte (und nein, damals war es nicht üblich, die Single einfach wieder umzutauschen; stattdessen landete sie in meinem Besitz). Jedenfalls, auch wenn das aus den Ausführungen jetzt nicht besonders zwingend hervorgeht, habe ich mir eine Grundsympathie für Phil Collins angeeignet.
Selling England By The Pound
„Firth Of Fifth“, ein Favorit unter Genesis-Anhängern, beginnt gut, sehr gut sogar, bis Tony Banks dann anfängt, mit Keyboard-Säme herumzupappen. Da ändern auch die schwebenden Gitarren-Soli in der zweiten Hälfte nichts mehr. Schwebende Gitarren-Soli sind nämlich kein Allheilmittel gegen irgendwas. „Cinema Show“ und auch das schöne, kurze „Aile Of Plenty“ finde ich auf Selling England By The Pound besser. Argumente für „Firth Of Fifth“ habe ich schon ein paar entgegengenommen, aber nun ist Annahmeschluss.
Der Rest
1. Carpet Crawlers
2. Lilywhite Lilith
3. Back In NYC
4. In The Cage
5. The Musical Box
6. The Cinema Show
7. Aisle Of Plenty
8. I Know What I Like (In Your Wardrobe)
9. Supper’s Ready
10. Squonk
11. Fly On The Windshield
12. Counting Out Time
13. The Lamb Lies Down On Broadway
14. The Chamber Of 32 Doors
15. I Can’t Dance
16. Mama
17. Stagnation
18. Down And Out
19. If
20. In That Quiet Earth