25/11/2020

Go-Betweens: Acht Bilder, acht Schläge, drei Freunde

The Go-Betweens – Send Me a Lullaby
1981

„Send Me ALullaby“ war das erste Album der Go-Betweens, das ich kennenlernte. Ich konnte mir danach nicht schnell ihren Backkatalog zulegen, denn es gab damals noch keinen Backkatalog. Daher hat sie den größten Eindruck auf mich gemacht, gegen den alle Folgeplatten, so brillant sie auch zweifellos zum großen Teil waren, kaum mehr gegenan konnten – außer der Nachfolger “Before Hollywood” vielleicht, weil er kurze Zeit später erschien und ein ähnliches Sound- und Arrangementkonzept verfolgt wie “Lullaby”. Ich habe trotzdem immer noch das Gefühl, „Lullaby“ zeigt die Band in ihrer wahren Essenz, während die Alben danach immer Go-Betweens-„Plus“ waren. Plus improved production and sound (“Before Hollywood”), plus schwerem Samtvorhang (“Spring Hill Fair”), plus Country und Indie-Star-Erfolgsdruck (“Liberty Belle And The Black Diamond Express”), plus Violine, Tanzbarkeit und Bandmitglieder-Aufstockung (“Tallulah”). Es klang für mich in der Folge von „Lullaby“ stets wie „Seht her, unsere Songs sind so groß, unsere Beziehung untereinander ist so kreativ und auseinandersetzungsstark, dass wir alles mit ihnen machen können, und sie sind immer noch fantastisch“. Und sie hatten recht damit (zumindest bis „16 Lovers Lane“ herauskam, denn das Plus an Charts-Pop-Sound begann dort erstmals ihre Songs merklich anzugreifen).

Selbst in die Gegenrichtung kann ich „Lullaby“ als Essenz wahrnehmen, denn diejenigen Songs, die die Band vor „Lullaby“ aufnahm, die „lost“ Tracks, Singles, etc., die später zugänglich gemacht wurden, scheinen mir nicht ausformuliert genug, ihnen fehlt etwas, was auf „Lullaby“ dann erst perfekt wurde. Dabei ist der Sound auf „Lullaby“ reduziert und fehlbar, trocken und hallarm. Die Go-Betweens waren ein Trio und ein Trio hört man hier auch: Gitarre (Foster), Bass (McLennan), Schlagzeug (Morrisson), es kommt meist nur ein sparsames Steigerungsmodul hinzu, ein Klavier, ein Saxophon (ganz kurz auf zwei Songs), eine zweite Gitarre. Höchst effizient platzierte Module, die nichts kitten oder kaschieren, die keine Lücken schliessen, die einfach nur die mit grobem Werkzeug geschnitzten Songfiguren bereichern, ergänzen, manchmal auch kommentieren (denn was sonst ausser einem Kommentar kommt es gleich, wenn Forster singt “And I’ve grown to accept/ That people know the next steps“, und anschließend untermauert ein unberechenbares Winzsolo eines Saxophons die nicht planbaren Unbilden des Lebens?). Die Tendenz vieler Gitarren-Indie-Songs (bis zum heutigen Tag), fehlende Ideen einfach endlos unterzujanglen, findet hier zu keiner Sekunde statt. Der Sound von „Lullaby“ ist die perfekte Demokratie zwischen drei absolut gleichgestellten Menschen und Freunden. Der Bass ist markant, er begleitet nicht nur, übernimmt Melodien und stellt sich gleichberechtigt neben die Gitarre. Die Drums halten sich zurück oder übernehmen Verantwortung, sind aber immer darauf bedacht, am Ort des Geschehens zu sein. Die Gitarre ersinnt reduzierte, knarrende Wendungen, sie trägt oft nur den Teil der Melodie, den der Bass gerade nicht übernimmt oder umgekehrt. Ähnliche Demokratie habe ich im Kontext von Song und Rockmusik nur noch im Sound von Minutemen/Firehose gefunden.

Forster und McLennan schienen selbst nicht glücklich mit dem Sound zu sein („metallic folk in a way“, werden sie vom All Music Guide zitiert), aber wann schaffen es Musikern denn schon mal, wirklich zu wissen, was an ihrer Musik gut ist? Nie haben für mich Songs je wieder solch individuelle Balance zwischen Sperrigkeit und Perfektion erlangt. Sie scheinen sich ständig gegen ihren natürlichen Fortgang zu wehren – und das auch noch mit Erfolg. Trotzdem bleiben es streng und bewusst komponierte Songs. In der Summe kenne ich niemanden, der solche Musik schreibt wie Foster/McLennan auf „Lullaby“. Verstärkter Metallsaiten-Folk, der durch Punk und Dylan gleichzeitig gegangen ist. Harsches Understatement. Lindy Morrisson trommelt so präsent, wie ich es nie wieder so direkt und touching von einer Go-Betweens-Platte gehört habe. Auf „Eight Pictures“ gelingt ihr ein für die damalige Zeit in seiner Formverletzung vollkommener Tabubruch – sie spielt ein Schlagzeugsolo! 1981 sogar verdammenswerter als ein Gitarrensolo! Und es passt so wunderbar zu der tragikomischen Geschichte, die Forster erzählt: Die Beweisführung der Untreue mittels heimlich geknipster Fotobelege. Das Drum-Solo als Welteinsturz des Protagonisten. Zu Ehren der acht unleugbaren Fotobeweise wird Lindy Morrisson den Song mit acht harten Drumschlägen beenden.

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