26/09/2020

Guther: Im Rausgehen verflüchtigt

I Know You Know by Guther (Morr Music, 2003) Ein freundlicher Gruß aus der kleinen Enklave Berlin-Mitte. Julia Guther und Berend Intelmann haben 2003 in einer Wohnung dieses beschaulichen Stadtteils zehn kleine und schlichte elektroakustische Pop-Songs produziert, die die Namensgeberin des Projektes als „Mädchenmusik“ bezeichnet. Das trifft es ganz gut, vorausgesetzt man assoziiert damit Verträumtheit, Melancholie und eine gewisse Gedankenverlorenheit – z.B. auf dem Boden liegen, die Decke anstarren und über die Boys sinnieren („Boys Do Not Think“). Die Musik ist betont schlicht gehalten und an die ruhigeren Momente gängiger Indietronic-Vertreter angelehnt, wie Stereolab, Contriva, oder auch Paula, das andere Bandprojekt von Intelmann. Und nicht nur das akzentreiche Englisch von Julia Guther erinnert an The Notwist, in der Musik finden sich ebenfalls Parallelen, wenn auch bei Guther alles leichter, simpler und weniger ausgefeilt ist. Doch diese Übungen in selbst auferlegter Bescheidenheit bekommen der Platte nicht immer. Sie will zu selten raus aus den Räumen, in denen sie entstanden ist, raus aus der Wohnung in der Rosenthaler Straße. „Hello reality/ there’s nothing we could do“ singt Julia Guther im schönen Refrain von “What She Felt”, dem Höhepunkt von “I Know You Know”. Ich fürchte sie hat recht. Wenn ich den Computerplatz verlasse und aus meiner Wohnung in die Wirklichkeit trete, wird sich die Musik von Guther verflüchtigen. Aber den Refrain von „What She Felt“ nehme ich mit auf die Straße.

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