24/11/2020

HEAD OF WANTASTIQUET schlurfende zusammenkunft

HEAD OF WANTASTIQUET dead seas 2010

Wenn Platten auf Label veröffentlicht werden, die Mad Monk, Eclipse und Conspiracy Records heißen, wenn eine Violine altersschwach und dröhnsägend durch zeitlupig rumpelnde Banjos fährt, wenn wisperiges Genuschel mehr sagt als tausend vernünftige Worte, wenn erschöpfte E-Gitarrenverzerrungen ihre letzten Atemzüge an schwer zugänglichen Hügeln hauchen, dann ist Paul LaBrecque – in Belgien ansässiger Schwippschwager im Geiste der Sunburned Hand Of The Man – meist nicht weit.

Im letzten Jahr schien der gute Paul einige unheimliche Zusammenkünfte mit Gleichgesinnten im Land der Toten Seen abgehalten zu haben. Head Of Wantastiquet‘s „Dead Seas“ ist auf wackeligem Boden stehende Ritualmusik. Erschlafft, primitiv, irgendwie abgenutzt klingt sie, als würde sie im Schlurfschritt immer wieder am Opferstein gerieben. Nur zufällig kann sie den Weg in ein Aufnahmegerät gefunden haben. Es scheint nicht erwünscht, ihr außerhalb der Zeremonie zu lauschen. Die Musik gefällt nicht mit Könnerschaft und Kompositionskunst. Die Fähigkeiten der Musiker scheinen mit dem zeitlupigen Gezupfe ihr unseliges Maximum erreicht zu haben. Die Musik auf „Dead Seas“ scheint keinen Wert an sich zu haben. Sie macht nur Sinn innerhalb einer bestimmten Zeremonie. Dort befeuert und unterstützt sie die vor langer Zeit festgelegte Abfolge der Riten. Mal freundlich, mal grimmig. Mal pluckernd, mal dröhnig. Irgendjemand in der kleinen, sozialen Gemeinschaft muss sie halt spielen, also werden diejenigen ausgesucht, die es einigermaßen hinbekommen, damit das Ritual stattfinden kann, denn nur das Ritual ist wichtig, nicht die Musik.

Und so wird ein nicht eingeweihter Zeuge dieser Geschehnisse zu einem heimlichen Zuhörer. Ängstlich legt er eine Hand über die Pegelanzeige seines Aufnahmegerätes, damit ihr Leuchten ihn nicht verrät. Aufs Geradewohl schießt er ein Foto aus seinem Versteck in den hohen Gräsern der Lichtung. Leidlich geschützt durch Dämmerlicht und dünnen Rauchschwaden. Später wird er sich das Foto anschauen. Er wird undeutliche Gestalten über ihm aufragen sehen. Einer wird einen Stoffumhang tragen, dessen Kapuze eine undefinierbare Schädelform umschließt. Geweihartige Zweige scheinen aus dem Schädel zu wachsen. Eine zweite Gestalt im Hintergrund wird durch eine schmalere Kopfbedeckung auffallen, aus der rückwärtig eine sehr lange Feder fast horizontal herausragt. Die Tonaufnahmen wird der heimliche Zuhörer später in Ermangelung eines besseren Titels nach dem Landstrich benennen, in dem dies alles geschah: „Dead Seas“. Immer wieder wird er die Aufnahmen hören, um sich immer wieder durch ihre Existenz seiner Erlebnisse zu vergewissern. Der ahnungslose Zeuge weiß bis heute nicht, ob er zusammengekauert im lichten Gras wirklich unentdeckt geblieben ist, oder ob die seltsame Gesellschaft ihn nur einfach aus völligem Desinteresse nicht weiter beachtet hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.