27/11/2020

HOLGER CZUKAY ätherfunde

HOLGER CZUKAY movies
1979

Das Internet vergisst nichts, der Äther dagegen zieht einfach weiter. Man empfängt seine Wellen und im nächsten Moment sind sie weg. Weitergezogen auf Nimmerwiederhören. Was den Äther auszeichnet ist seine Flüchtigkeit. Die Wellen gehen durch dich durch. Du bist für sie nicht existent, noch nicht mal als Geist.
Heutzutage kann man sich einfach zu jeder Zeit stumpf durch das globale Netzgeplapper klicken oder sich beim Reissue-Label Honest Jons bedienen, um ein schmachtend besungenes Liebesverlangen aus dem nahöstlichen Kulturkreis zu samplen, wie es PJ Harvey auf ihrer letzten LP gemacht hat. Zu Zeiten von „Movies“ musste Holger Czukay noch das zeitraubende Abenteuer eingehen, die Radio-Kurzwellen durchzuforsten, um zufällig eine wahrhaftig leidenschaftlich vorgetragene „Persian Love“ einzufangen. Man kann sich in etwa vorstellen, um wieviel größer Czukays Freude damals gewesen sein muss, dieses sehnende Kleinod aus dem materielosen Äther gefischt zu haben, anstatt sich vielleicht wie heute von einem x-beliebigen Exotica-Blog bräsig einen Download zu ziehen. Welchen Wert hat eine Weintraube, die dir automatisch in den Mund fällt, sobald du ihn öffnest?
„Movies“ ist eigentlich eine Can-Platte. Nicht nur, weil der restliche Kern der kurz vor den Arbeiten daran aufgelösten Band immer mal wieder mitmischt mit Gitarre, Drums und anderen beratenden Tätigkeiten, sondern auch, weil die Dramaturgie ganz ähnlich aufgebaut ist. Denn es stehen den eingängigen, Can-motorigen Stücken auch die improvisierten, extrem nachbearbeiteten und schwierigeren Passagen gegenüber. Letztere fordern einen längeren Atem, ziehen ihren Reiz nicht aus schneller Akzeptanz durch Wiederholung und Variation, sondern aus dem ständigen Fortschreiten in Handlungen, die im Track Sekunden vorher noch nicht zu ahnen waren. Sie sind daher mehr bearbeitete Dokumentationen, während die Can-motorigen Stücke dann auf Skripten basierenden Spielfilmen entsprechen, wenn ich denn mal die „Filme“-Metapher etwas ausreizen darf.

Holger Czukays Spieltrieb an neuen Maschinen ist auf „Movies“ größtenteils Segen, Fluch aber dann, wenn gut 32 Jahre nach Produktion doch das ein oder andere Drumpattern und der ein oder andere Synthie etwas kalt an die Wand des Zeitgeschmacks klatschen. Der Rest der Vorführung ist aber immer noch dermaßen gut genug, um drüber hinweg hören zu können.

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