23/09/2020

JACK ROSE andere saiten

 

HONEST STRINGS: A TRIBUT TO THE LIFE AND WORK OF JACK ROSE
2010

Wie schon im letzten Jahr, werde ich auch dieses Jahr in kurzen, unglaublich knappen Sätzen kredenzen, was mich die letzten 12 Monate musikalisch so umtrieb. Wobei es sich um Musik in 2010 und nicht unbedingt nur aus 2010 handeln wird. Anders als in 2009 werde ich nicht pro Album/CD/LP/Download jeweils einen Text schreiben, sondern ein paar gesonderte Texte in unregelmäßigen Abständen einstellen, die ich thematisch einigermaßen zusammenzuzurren versuche. Mal sehen, wohin es führen wird.

Los geht’s mit dem Jack-Rose-Tribut „Honest Strings“. Der Text dazu ist allerdings so lang geworden, dass er die gesamte erste Folge einnimmt. Gemessen am gewaltigem Ausmaß des Tributs – „Honest Strings“ hat eine Länge von über sechseinhalb Stunden – und gewaltiger Güte erscheint mir das aber durchaus angemessen.

Der aus Philadelphia stammende, trinkfreudige Gitarrist Jack Rose, der parallel an vielen Rändern alter primitiver amerikanischer Musik wirkte, starb am 5. Dezember 2009 völlig überraschend an Herzversagen. Er wurde nur 38 Jahre alt. Mit seiner Band Pelt hatte er seit Mitte der 1990er Jahre an archaischem Dröhnen („Drones“) gearbeitet, das das Trio vorrangig mit akustischem Instrumentarium erzeugte und damit auch die uralte Tradition aufzeigte, in der der Drone verhaftet ist. Denn was ist eine nur leicht variierte Melodiefigur auf einer Fiddle anderes als ein um die eigene Achse flirrendes Dröhnen? Einen dauernden Grundton erzeugt auch die fünfte, mit dem Daumen gespielte Saite eines Five-String-Banjos, dessen „halb-barbarischer Twäng“ sich für das menschliche Ohr rätselhafterweise selbst dann noch unter die Musik legt, wenn er gar nicht immer durchgespielt wird.

Neben der Ensemblearbeit bei Pelt ergänzte Jack Rose auf seinen Solo-Aufnahmen den Ansatz uralter Musik um sehr spielfreudige Varianten auf der Stahlsaitengitarre. Rose war ein Riese auf seinem Instrument. Bei aller Virtuosität war die Rohheit dabei stets präsent. Das hatte er gemein mit seinen Vorbildern John Fahey, Robbie Basho oder Sandy Bull. Ein Schönspieler im klassischen Sinne war er nicht.

Was für ein weitverzweigtes Netz sozialer und künstlerischer Beziehungen Jack Rose mit den Jahren aufgebaut hatte, zeigte sich in der Vielzahl an Projekten, die in diesem Jahr seiner gedachten. Neben dem „Honest Strings“-Tribut fand im Januar diesen Jahres in Philadelphia ein „Jack Rose Memorial Concert“ statt, bei dem unter anderem Sonic Youths Thurston Moore und der stark von Rose beeinflusste Gitarrist Glenn Jones auftraten. Steffen Basho-Junghans – unser grenzüberschreitende Stahlsaiten-Mann aus dem östlichen Harz – und Paul Labrecque – unser Psych-Myth-Folk-Mann aus den Belgischen Bergen – nahmen ebenfalls an Projekten teil, die Jack Rose gewidmet waren.

Umso trauriger, dass erst der Tod eines geschätzten Menschen die Kräfte zu einem in allen Belangen überzeugenden Tribut bündeln musste. Gut fünfeinhalb Stunden größtenteils unveröffentlichte Musik auf 40 Tracks, dazu noch eine einstündige Lesung: „Honest Strings“ ist ein labyrinthisches Kompendium zeitgenössischer „amerikanisch-primitiver“ Musik in seinen vielfältigen und vieldeutigen Schattierungen. Von der klirrenden Direktheit einer einsamen Stahlsaiten-Gitarre (Luther Dickinson, Cian Nugent, und viele andere), dem stolzen Krach einer wütenden E-Gitarre (Chris Forsyth), dem Einfluss indischer Skalen und tibetanischer Tonfolgen auf das „Alte Primitive“ (die den Hintergrund für eine bewegende, gesprochene Widmung an Jack Rose von Byron Coley bilden), über die Ensemblearbeiten mit Fiddle, Mandoline, Gitarren und Banjo (Charlie Parr & Mike Gangloff, Hans Chew), elektrischem Freeform-Rock-Noise (Bill Nace, Kohoutek, und andere), ultrazeitlupigem Mundharmonika-Gitarren-Folk, wie er als Genre von Neil Young mit einem einzigen Song – „Will To Love“ – begründet wurde (MV & EE) bis zum sägenden, dunklen Drone (Pelt). Höhepunkte herauszustellen, würde dem Rest nicht gerecht werden.

In dieser zugleich komprimierten und ausufernden Form einer stundenlangen, zeitgenössischen Musikzusammenstellung ist „Honest Strings“ meines Wissens ohne Beispiel. Für mich persönlich stellt „Honest Strings“ schon deshalb eine Zäsur dar, weil es das erste für mich wichtige „Album“ ist, das nicht nur ausschließlich als Download-Only erschienen ist, sondern gleichzeitig auch folgerichtig den limitierenden Zeitrahmen verlässt, an den ein physikalisches Medium wie Vinyl oder CD zwangsläufig gebunden ist.

Und so reichte dieser riesige 1-Gigabyte-Datenklopps für jahrelange Auseinandersetzung, würde man den einzelnen Musikern in ihr spezielles, trotzdem um Kontakt bemühtes Universum folgen. Mit zunehmender Beschäftigung können Zusammenhänge archaischer Ur-Musik plötzlich klarer werden oder ergeben sich womöglich für den Hörer das erste Mal. Man spürt, ein geheimer roter Faden zieht sich durch dieses Projekt, dessen verzackte Wege sich erst nach und nach zu zeigen beginnen, und sich dabei vielleicht auch nie vollständig beschreiten lassen.

Dieser Entdeckergeist ist es, der das Tribut-Projekt so wertvoll macht. Man kann sich darin verlieren, es kann nerven und beruhigen, anregen und ermüden, immer aber hat man das Gefühl, es speist sich aus mindestens einer gemeinsamen, sehr, sehr alten Quelle. Bitter ist nur, dass derjenige, um den sich auf „Honest Strings“ so viele versammelt haben, nicht mehr miterleben kann, wie sich ein verschlungenes, wurzeliges Netzwerk „auf der Suche nach Nahrung“ (Naturfilmer Heinz Sielmann, Zitat zweckentfremdet) ausbreitet. Wie alt war noch mal dieser eine Wald, der aus einem einzigen Baum besteht? 30000 Jahre? So wie dieser Wald, so ist auch „Honest Strings“.

„Honest Strings: A Tribute To The Life And Work Of Jack Rose“ ist nur als Download inklusive Booklet-Datei über fina-music.com zu beziehen und kostet 15 Dollar. Der Erlös kommt zur Gänze der „Jack Rose Estate“ zugute. Über den Link gelangt man auch zur vollständigen Track-Liste.

Teil 2 von „Musik in 2010“ demnächst in diesem Kino.

3 Gedanken zu “JACK ROSE andere saiten

  1. der artikel hat sich für mich schon deshalb gelohnt, weil ich paul labrecque nicht kannte. und weil das internet ja fast alles bereithält, lausche ich gerade so nebenher dem guten mann. das banjo pluckert vor sich hin, so wie ich es mag (psychedelich banjo hymns lese ich auf der my space seite, indeed). ja, das könnte auch 'mein' mann werden. zu honest strings habe ich nichts zu ergänzen, denn ich könnte es eh nicht besser sagen.

    ein gutes neues jahr.

    andreas

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