11/08/2020

JESSE SYKES: slow motion in dunkeldürr

Jesse Sykes & The Sweet Hereafter: Reckless Burning
(2002)

Zu den herausragenden musizierenden Damen, auf die mich Blog-Kollege Brinkmann während unserer Korrespondenz so gebracht hat, gehören Laura Veirs, Judee Sill und Jesse Sykes. Letztere zuhause in den stimmungsvolleren Ecken Seattles, z.B. in der ein oder anderen „Dive-Bar“ (wie es sie laut Jesse Sykes früher in Seattle gegeben hat), in der sie auch 1998 Gitarrenspieler Phil Wandscher kennenlernte, seitdem ihr Lebensgefährte.

Phil Wandscher ist mein liebster Gitarrist derjenigen, die in den letzten Jahren auf dem mondscheinhellen und hallenden Feld von Slo-Mo-Country einerseits und elektrischem Neil-Young-Rock andererseits ihre dunklen Akkorde gesäht haben. Unglaublich gut also und – ja – gefühlvoll, gefühlvoll -genau!- und für die Coolen unter euch, die vor derartigen Worten peinlich berührt die Nase rümpfen, sage ich es gerne noch einmal: GEFÜHLVOLL! Ausserdem nennt er die formschönste, klassische E-Gitarre sein eigen, wie mir beim Konzert letztens in der Markthalle (HH) auffiel. Nämlich diese hier: Schwarze, schöne Gitarre.

Die Band spielt aufregend unaufgeregt die schönsten Country-Folk-Weisen, wird dabei nie euphorisch, sondern verstärkt noch die einsam in der Fremde stehenden Verse der Sykes mit einem federnden Unterton, der zwar nicht beteuert, dass alles gut gehen wird, der aber schon vorher Trost spendet für den Fall, dass alles schief gehen könnte. Ich würds „realistisch“ nennen.

Die Stimme von Jesse Sykes wirkt in jedem Fall älter als sie ist, man merkt es, ohne das Alter der Sykes zu kennen. Ich spüre, dieser Satz würde auf jedes Alter zutreffen, auf das man sie schätzt. Die Stimme würde immer älter klingen. Seltsam. Anthrazit.

Die Songs sind atemberaubend. Zum einen weil sie von Jesse Sykes Stimme getragen werden, die etwas Geheimnisvolles inne hat, was ich einmal spontan als romantisch autoritär beschreiben möchte, als etwas, das unverrückbar Geschehenes mit einer irgendwie abgeklärten, trotzdem Anteil nehmenden Trauer begleitet, zum anderen aber, weil das langsame Tempo der Songs die eigene Atemfrequenz unmerklich so weit runterzuschrauben in der Lage ist, dass man mit jedem gebannten Atemzug immer etwas zu wenig Sauerstoff aufnimmt, bis dieses Defizit an den passenden, besonders mesmerisierenden, romantisch schönen Stellen durch einen sehr tiefen Seufzer wieder kompensiert werden muss. Dass ein Album ganz physisch zum Seufzen zwingen kann, war mir bisher unbekannt und ist alleine schon einen Eintrag in die Top 50 wert. Seelentiefe.

Passenderweise liessen sich die auf andere, kuttenbehängte Weise ebenso gefühlvollen Dark-Metal-Feedbacker und infernalischen Gitarren-Dröhn-Droner SunnO))) während ihrer Kollaboration mit Boris einen der Songs auf „Altar“ durch Jesse Sykes und Phil Wandscher ins Ausserätherische veredeln. Dunkeldürr.

Der einzige Grund übrigens, warum ich “Reckless Burning” hier auswähle, nicht aber das dunkelrockigere und weniger dunkelcountrige „Like Love Lust & The Open Halls of The Soul“ (2007) ist der, dass ich letzteres Album in letzter Zeit mindestens zweimal täglich durchhörte und ich nun einfach nicht mehr kann, weswegen ich die nächsten Monate „Reckless Burning“ zweimal täglich durchhöre.

Produziert hat „Klangästhet“ (Glitterhouse Katalog) Tucker Martine. Sound.

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