JOHN COLTRANE im aufstieg

Zurück ins pralle Leben und dem Sehnen nach all ihren Aspekten. Guten Tag, Kinder der Gestirne, guten Tag, Aszendenz.

Ascension“ habe ich über die Doppel-CD The Major Works of John Coltrane“ kennengelernt, wo auch „Kulu Se Mama“, „Om“ und „Selflessness“ enthalten sind, was ich sehr passend finde. „Kulu Se Mama“ hatte ich mir ein paar Wochen vorher als gleichnamige CD besorgt, ebenfalls „Crescent“ und „Sun Ship“. Ich finde das CD-Format für den späteren Coltrane viel passender als LP. „Ascension“ geht 40 Minuten, „Om“ 28 Minuten, für den beschränkten Raum einer LP denkbar ungeeignet.

Ich weiß nicht genau wieso, aber „Ascension I“ rauscht an mir in einem Rutsch vorbei – beeindruckend vorbei – während ich „Ascension II“, den zweiten Anlauf zur Aszendenz, detaillierter höre, auf die Soli achte, darauf, wie jeder Solist mit einem Extraschwall an Lautstärke und Euphorie wieder in den Kreis aufgenommen wird, bis sich dann wieder ein Spieler löst, zum Solo ansetzt, während die anderen sich zurücknehmen, um dann wieder voller Euphorie und Lautstärke … – wie ein Atemrhythmus. Die Soli sind allesamt ganz fantastisch:

Coltrane selbst setzt den Ton mit dem ersten Solo: suchend, findend, Freiheit vorgebend, die dann wieder eingebunden wird in die Form.

Dewey Johnson gurgelt sich an der Trompete durch, man hört die Speichelblasen förmlich, lebendig und grenzgängerisch.

Pharoah Sanders gelingt das Kunststück, ein Solo zu spielen, das sich fast vollkommen in das Spiel der übrigen integriert, ich nehme es kaum als Solo wahr, eine Art Kollektivsolo.

Freddie Hubbard an der Trompete spielt eher konventionell, aber nicht minder gut. Zum Ende seines Solos lässt auch er sich ein auf unsicheres Terrain.

Marion Brown entsteigt eher eher zart und rund dem aszendierenden Thema, er kriegt es mit den ersten wunderbar lyrischen Tönen ist, dass alle ganz still werden, ein ungeheuer schöner Moment! wohl wissend, dass es auch jemanden geben muss, der im Sturm mit Ruhe glänzt. Dann wird Brown wieder aufgenommen in den Strom, wie es allen anderen auch ergangen ist.

Es kommt ein kleines Drumbreak, bam … bam … bam … Und Archie Shepp am Tenorsax tritt auf. Er stößt kurze Töne aus, als müsse er erst die Silben sammeln, aus denen er Sätze bauen möchte. Sein Spiel scheint mir Coltranes am nächsten zu kommen, er führt die Freiheit fort, die Coltrane am Anfang gesetzt hat, er wird besonders überwältigend heimgeholt in den Sog, gut gemacht, wie lieben dich.

Dann kommt John Tchicai am Altsax. Beginnt flüssig, wird immer gepresster, soliert sich in einen Strudel aus Noten, die sich zu schreien verdichten, dann wieder brabbeln sie wie kleine Kinder, die spaß an Fantasiesprache haben. Immer wieder zieht er zum Ende hin die Töne und lässt sich erschöpft in den Kreis zurückfallen, wo er sogleich mit Energiesalven wieder aufgeladen wird.

Achtundzwanzig Minuten sind um, ein einziges Jubilieren individueller Stimmen. Nur Pianist Mccoy Tyner fällt irgendwie raus und wirkt etwas verloren in dem übrigen Anstieg zu den Sternen, den bildlichen. Aber auch das macht Sinn, weil es zeigt, dass eben auch Teile, die vielleicht nicht ganz zu passen scheinen, weil sie in ihrer Inspiration gerade nicht mithalten oder aus ganz anderen Gründen vielleicht, trotzdem einen Platz verdienen. Dies ist nicht nur spirituelle, sondern eben auch soziale Musik, wir nehmen alle mit, keiner muss zurückbleiben, außer er möchte es so (und Pianist Mccoy Tyner wollte es dann ja auch).

Überhaupt ist „Ascension“ eine Komposition, die viel mit Dynamiken und Intensitäten spielt, die den Charakter der Spieler miteinbezieht. Das machen viele andere Tracks sicher auch, aber hier, auf diesem hochintensiven Level, kommt für mich nochmal besonders zu tragen, dass der Mitmensch, mit dem man sich unmittelbar umgibt, das ganze prägt. Klingt banal, aber unter dem Eindruck von „Ascension“ ist nichts banal. Ich wunder mich selbst grad, soviele Worte gefunden zu haben, denn eigentlich lässt mich „Ascension“ sprachlos zurück. Vielleicht ist dieser Wortschwall ja auch eine Folge der sozialen Komponente dieser wundersamen Komposition. Das Duett an den Bässen von Jimmy Garrison und Art Davis ist auch nochmal schön, genauso schön wie das Schweigen der anderen dabei, denn man weiß ja, sie sind da. Schweigen in Anwesenheit ist anders als Schweigen in Abwesenheit. Ab Minute Sechsunddreissig steigen dann alle wieder ein, aszendieren, es wird erklommen (der Spirit, das Miteinander, der universelle Respekt – such’s dir aus) und kommt zum Ende. Warum ich lange Jahre direkt Angst davor hatte, mir „Ascension“ anzuhören, ist mir nicht ganz klar.

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