24/11/2020

Lee Perry: Kosmische Überlagerungen

Lee Perry
SCRATCH ON THE WIRE
LP
1979

Greetings from the last years of the Black Ark, 5 Cardiff Crescent, Washington Gardens, District Kingston, Jamaica
Lee „Scratch“ Perry verbreitete im Laufe der Jahre die verschiedensten Versionen, wie es 1979 zur Zerstörung der Black Ark gekommen war. Einmal war es seine Verärgerung darüber, dass der damalige Island-Records-Chef Chris Blackwell die Platte von den Congos – „Heart of the Congos“ – entgegen der Vereinbarung nicht veröffentlichen wollte; dann wieder war es der ständige Ärger mit den Schutzgelderpressern der örtlichen Mafia, der Perry bewog, die Black Ark abzufackeln. Ja, es existiert sogar die Version, dass ein deutscher Tourist Lee Perry so dermaßen auf die Pelle rückte, dass dieser aus spontaner Genervtheit kurzerhand die Black Ark ansteckte.

Diese verschiedenen Versionen lassen nur einen Schluss zu: Lee Perry wusste selbst nicht genau, warum die Black Ark eigentlich in Flammen aufging! Er konnte im Ganjanebel und Rumrausch nur vermuten, dass es als Folge der oben beschriebenen Ereignisse passiert sein muss, weil er bei jenen Gelegenheiten so dermaßen angepisst war, dass er durchaus dazu fähig gewesen wäre, den ganzen Laden in Schutt und Asche zu legen.

Die Wahrheit könnte sein: Lee Perry war mit zunehmender Entwicklung der Black Ark in Gefahr, den Verstand zu verlieren. Von 1976 bis zu 1979, dem Jahr ihrer Zerstörung, befand sich die Black Ark nämlich in einem Zustand höchstkonzentrierter Energie: zum einen war dort Lee Perry, der Produzent und Erbauer der Black Ark. Er führte die Ark wie ein Cyborg, der mit seinem Studio über sonische Wellen verschmolzen war. Zum anderen gab es eben die Black Ark selbst, die alles, was in ihre Nähe kam, einsog, transformierte und als Gigantotrack wieder ausgespuckte: „He, was isst du gerade?“ „Roastbeef and cornbread“, und zzzzapppp!, schon war ein weiterer Black-Ark-Klassiker geboren! Perry produzierte das mit ausserweltlichen Gesängen und mit Symbolen des alten Testaments bespickte „Heart of the Congos“ im formvollendeten, mumpfig-geheimnisvollen Black-Ark-Sound. Er bereitete „The Return of the Super Ape“ vor, das mit bespiellosen Tracks aufwartete, die den Terminus „Reggae“ großenteils hinter sich ließen. Und schließlich produzierte er seine Solo-LP „Roast Fish & Collie Weed“, mit dem unvergleichlichen, prophetischen „Soul Fire“ („Soul Fire! And we ain’t got no water!“). Perry und seine Black Ark glitten auf einem dermaßen entwickelten Level über die millionen kosmischen Spuren dahin, dass man’s kaum noch aushalten konnte. Und ich denke, Perry hielt es tatsächlich nicht mehr aus. Deswegen versuchte er, sich vor der Black Ark zu schützen, indem er sie über und über mit Zeichen bemalte, so wie es zum Beispiel auch Tradition in katholischen Gegenden Deutschlands ist, wo Symbole, die das Böse fernhalten sollen, mit Kreide über die Hauseingänge geschrieben werden. Bald war das Innere der Ark übersät mit Symbolen und Wörtern, die Perry mit einem dicken Edding-Stift in energischen Strichen auf jede Fläche des Studios malte. Ohne Rücksicht überzog er damit all die Fotos, Plattencover, Singles und LPs, die Bilder und Badges, Statuen, Zettel, die TEAC 4-Spur-Bandmaschine, die Echoplex-Delay-Einheit und das Mischpult, und auch die anderen unzähligen Gegenstände, mit denen die Black Ark ausgestaltet war. Dann überschrieb er alle A’s und E’s mit einem X. Bis zur Unkenntlichkeit verband und verdichtete er alles zu einem flirrenden Gekritzel. Die Zeichen ähnelten den verwirrenden Symbolen, die auf Gnostischen Gemmen angeordnet sind; so wie auf jener Gemme, die in einem alten Groschenroman der Dämonenkiller-Serie (vergriffen und als jugendgefährdend verboten, Pabel Verlag, 1975) abgebildet war (und mit dessen Romanheld Dorian Hunter ich auf Monat und Tag dasselbe Geburtsdatum teile – muss ich noch mehr erzählen?).

Dadurch dass Perry mit Hilfe der Bannzeichen, mit denen er das Innere der Ark auskleidete, versuchte, sich von der vollständigen Einverleibung durch die Black Ark zu befreien, konnte das Studio selbst seine Energie nicht mehr genügend kanalisieren. Die Ark, sowieso schon immer am Anschlag betrieben, überschritt den kritischen Zustand und die enorme Spannung entlud sich in Form von Flammen. Die Black Ark zerstörte sich selbst! Es ist die einzig mögliche Erklärung!

Lee Perry selbst wurde durch die Wucht der freiwerdenden Energie buchstäblich bis ans Ende der Welt katapultiert. Er landete erst in Amsterdam, dann in London, später schließlich in der Schweiz (wo nach eigener Aussage die Schweizer Armee jederzeit bereit auf seine Befehle wartet). Er machte immer noch teils sehr tolle Platten („Time Boom X De Devel Dead“!), trat und tritt immer noch viel live auf und behängte sich, da er nun keine Black Ark mehr hatte, einfach selbst mit dem ganzen Krimskrams, mit dem er vorher sein Studio-Raumschiff ausgekleidet hatte.

Immer wieder scheinen sich auch heute noch Bänder aus dem Wurmloch der Black Ark zu materialisieren. Vor ein paar Jahren ging sogar das Gerücht, Lee Perry würde sich mit seinem Sohn wieder in die Area 5, Cardiff Crescent in den Washington Gardens, Kingston, Jamaika, aufmachen, um nach weiteren verborgenen Aufnahmen in den Ruinen der Black Ark zu suchen, ganz so wie die tapferen Wissenschaftler der Miscatonic Universität Anfang des letzten Jahrhunderts, die aufbrachen, um die Geheimnisse der Pole zu ergründen und mit der schrecklichen Kultur der Alten Wesen zurückkamen.

Warum nun „Scratch On The Wire“ und nicht „Arkology“?

Weil auf „Arkology“ ausgerechnet bei meinen absoluten Lieblingen von „On The Wire“ totaler Murks gemacht worden ist! Die scheinen einfach die Dynamiken generell angehoben zu haben, und so sind die mittleren Höhen, die besonders bei den späten Black Ark Produktionen sowieso schon durch die kosmischen Überlagerungen von eine Million Spuren bis zum Anschlag gehen, über die Grenze hinausgeschossen. Sie sind einfach drüber! Das äussert sich bei vielen Tracks auf „Arkology“ in einem mittleren Grundfiepen, das dort nicht hingehört und (mich) ungeheuer nervt. Kennt man die Tracks nur von „Arkology“, merkt man es vielleicht gar nicht bzw. ordnet es der Produktion zu, aber es stimmt nicht. Besonders auffällig ist es bei „Soul Fire“ und „Bird In Hand“. Bei „Vibrate On“ haben die auch was vermurkst, verdammt. Daher lasse ich es nicht gelten, wenn man sich „Scratch On The Wire“ nicht zulegt, weil alle Tracks (bis auf einen) auf „Arkology“ enthalten sind. Außerdem werden die Tracks auf „Scratch On The Wire“ (zumindest auf der LP, ob das auch bei der CD-Version so ist, und wie die nun wiederum gemastered ist, weiß ich nicht bzw. gibt es überhaupt eine CD-Version?) noch verbunden mit Artefakten und Interludes aus anderen Black Ark Alben, so dass ein durchgängig als zusammenhängend empfundener Ätherstrom entsteht. Deswegen steht „Scratch On the Wire“ stellvertretend für das, was Lee Perry an unkopierbar federnder und von abseitigen Sphären berührter Kunst fabriziert hat. In der Black Ark, dem magischten Ort, den die neuere Musikgeschichte kennt, zumindest, wenn man mir Glauben schenken darf. Darf man aber ruhig.

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