15/07/2020

LET IT BLEED zum Fünfzigsten

The Rolling Stones –
Let It Bleed
(1969)

War ich bei „Beggars
Banquet“ eher mal einer der letzten, die zum Fünfzigsten
gratuliert haben, möchte ich bei „Let It Bleed“ der erste sein.
Obwohl es natürlich noch etwas früh ist, denn „Let It Bleed“
erschien ja erst später im Jahr, nämlich im Dezember 1969.
Angedacht war der Juli, dann aber wartete man doch noch die US-Tour
ab. Vielleicht dachte Jagger ja zudem, das Plattencover würde sich
in der dunklen Jahreszeit besser machen, wie er ja bescheuerterweise
auch dachte, er müsse warten, bis es in Altamont dunkel ist, bis
seine satanischen Seidenklamotten zur Geltung kommen. Wir wissen
alle, wie dunkel es in Altamont dann wirklich wurde.

Seite 1

1.
Gimme Shelter


Jagger singt gut, aber die Clayton
ist ganz groß. Das könnte eine sehr emanzipatorische Geste von ihm
gewesen sein: Als ein Sexismen und Machismen nicht abgeneigter Mann
nicht nur zuzugeben, Schutz zu suchen, sondern diese Schutzsuche auch
noch von einer ebenbürtig positionierten Frau mitsingen zu lassen,
die einiges mehr an Soul-Power in der Stimme hat. Die Beatles wirkten
dagegen zu der Zeit wie ein reiner Männerverein, der sich von einer
Frau bedroht fühlte. Vielleicht konnte Jagger seine eigene
Schutzsuche aber auch dadurch wieder relativieren, indem er eine
ebenfalls Schutz suchende Frau an seiner Seite platzierte. Das könnte
man ihm wieder anti-emanzipatorisch auslegen, so als dürften Männer
alleine keine Angst haben. Ich finde aber, der Song hat ein gutes
Gleichgewicht der Geschlechter gefunden. Jagger nimmt sich mehr Raum,
aber Merry Clayton nutzt ihren im Gegenzug besser aus, weil sie eben
einfach die überwältigendere Singstimme hat.

Mit „Let
It Bleed“ begann dann auch die Phase, wo die Stones ihren Sound
erweiterten, indem sie sich Hilfe von Außen holten, andere Musiker
in ihr Bandkonzept einfügten. Sei es die Einbindung von Bläsern,
Chören, Old Time-Elementen, Ry Cooder oder eben Merry Clayton. Es
waren gute Entscheidungen, die da getroffen wurden. Diese
Einbindungen gingen vorher sicher auch schon vonstatten, aber beim
Vorgängeralbum „Beggars Banquet“ schien mir die Neuerfindung der
Stones als zusammenstehende Band nach ihrem recht planlosen (aber
nicht uninteressanten) psychedelischen Herumgeeier doch im
Vordergrund zu stehen. Sie mussten sich erst wieder einen Sender
bauen, weil sie sich vorher etwas versendet hatten. „Let It Bleed“
öffnete sich dagegen mehr in Richtung Erweiterung der Möglichkeiten
durch zusätzliche Mitstreiter. Das spiegelte sich auch in der
Produktion: Weniger dicht gedrängt die Kerngruppe stärkend wie bei
„Beggars Banquet“, dafür expansiver, offener, zur Teilhabe
einladend.

Nochmal im Speziellen zu „Gimme Shelter“:
Ich kann mich eigentlich kaum an einen Song erinnern, bei dem Charlie
Watts an den Drums sitzt, der so swingt und treibt, so elastisch und
elegant wirkt, obwohl der Beat eigentlich relativ behäbig ist. Daran
kann man immer gut eine tolle Rhythmusarbeit erkennen: wenn es
schneller wirkt, als es ist, man als Hörer das Rätsel aber nicht
lösen kann, warum eigentlich. Ähnlich gut wie „It’s Only
Rock’n’Roll“ (der Song), aber da war ja auch nicht Watts an den
Drums.
*****

2. Love In Vain


Ich dachte lange
Zeit, Mick Taylor würde die Slide spielen, dabei ist es Keith
Richards. Vielleicht steht sie deswegen so im Ton, ohne Firlefanz zu
machen. Wie es sich eben ergibt, wenn die Sehnsucht sehr direkt
einfach da ist, immer und unveränderlich immer gleich schlimm. Da
darf eine Slide keine Schnörkel spielen. Jedenfalls eine
außerordentlich gute Leistung an der Sehnsuchtsgitarre. Wie
überhaupt hier alles großartig ist. Jagger in echter Leidensform,
Watts sehr präsent, aber nichts erdrückend, die Mandoline von Ry
Cooder. Perfekt, bewegend, lyrisch. Und an dieser Stelle sowieso ein
Extralob an Richards, der für Let It Bleed die allermeisten
Gitarrenparts alleine wuppen musste und das mit Bravour löste. Ich
möchte keinen seiner Beiträge auf dem Album von einem
Schönerspieler zugrundeverschönert hören. Insofern ein Glück,
dass Mick Taylor noch keinen großen Anteil am Bandgefüge hatte.
Womit ich seine späteren Leistungen für die Band nicht schmälern
möchte.
*****

3. Country Honk
 
„Country
Honk“ gelingt es, eine Old-Time-Fiddle richtig gut klingen zu
lassen, was beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Eine
fiddelige Fiddle kann manchmal nämlich echt ganz schön nerven.
Selbst auf über jeden Zweifel erhabenen Zusammenstellungen wie Harry
Smiths „Anthology Of American Folk Music“ oder diversen Alben auf
American Folkways nerven Fiddle nicht zu knapp. Es ist nicht ihre
kratzige, raue Drone-Wirkung, die nervt (im Gegenteil, diese Wirkung
begrüße ich), sondern die Penetranz, mit der sich auf einigen
Old-Time-Tracks die Fiddle Alphatier-mäßig in den Vordergrund
fiddelt. Tatsächlich gibt es in der Old-Time-Musik den Begriff des
„Alpha Fiddlers“. Allerdings ist es auf „Country Honk“
bestens gelungen, die Fiddle melodiös und treibend zugleich zu
machen, ohne dass sie das Gesamtbild über Gebühr dominiert. Der
ruffe Fiddle-Charme ist zwar dafür rundgeschliffen worden, aber in
diesem Fall war das eine sehr gute Entscheidung.

Insgesamt ist „Country
Honk“ ein lustiger Haufen primitiver Folkmusik, gespielt von
Menschen, die nicht so genau wissen, ob sie einen lustigen Haufen
primitiver Folkmusik wirklich spielen dürfen, ohne sich gleichzeitig
über sie lustig zu machen. Das alte Problem von Jagger, wenn er sich
an Countrymusik-Spielarten versucht: Er muss immer ein ironisches
Hintertürchen einbauen. Selbst bei „Dead Flowers“ auf „Sticky
Fingers“. Es zeigt aber umgekehrt auch, dass er das Thema durchaus
sensibel angeht und um seine Unsicherheit darin weiß. Einige der
besten Stücke der Stones sind aus diesem Country/Folk-Umfeld
entstanden. Auf „Steel Wheels“ leider auch ein ungeheuer
schlechtes, soweit ich mich erinnere.
****1/2

4. Live With Me


Frühes Beispiel der „Ragged Company“-Phase – wie
ich sie mal nennen möchte – in der sich die Stones ab „Beggars
Banquet“ bis einschließlich „Exile On Main Street“ öfter
gefielen: Sich als Teil der abgerissenen Gesellschaft inszenierend,
innerhalb derer immer mal wieder wahlweise die Teilhabe,
Romantisierung, die harten und die Schattenseiten abgefragt werden.
Bei „Live With Me“ geht’s um die Teilhabe („Don’t you wanna
live with me?“). Die streunende Katze des Bettlerbanquetts ist
erwachsen geworden, sie wird jetzt nach eigenen Entscheidungen
gefragt. Zum Beispiel, ob sie dem ganzen unaufgeräumten Muff
abgerissener Typen wirklich freiwillig ihr Leben widmen möchte.
*****

5.
Let It Bleed


Nur in den Titelsong, in „Midnight
Rambler“ (als Symbol des Bösen) und jeweils einen Vers von „You
Can’t Always Get What You Want“ und „Monkey Man“ konnte man
noch den Satanistenquatsch hineininterpretieren, dem Jagger eine
zeitlang anhing. Auf „Monkey Man“ wird sogar wieder relativiert:
Wir wollen doch nur den Blues spielen! Schade, dass Jagger den
Quatsch wenig später für Altamont wieder aufkochte und sich in
seiner Eitelkeit nicht entblödete, den Auftritt so lange
hinauszuzögern, bis die Nacht anbrach, damit seine doofen
Teufelsklamotten besser zur Geltung kamen. „Let It Bleed“ als
Song ficht das nicht an. Gutes Akustikgitarrengerüst, in das Ian
Stewart ziemlich bestimmt seine Tasten schlägt. Die wiederkehrende
Zeile „We all need someone …“ kehrt mir ein bisschen zu oft
wieder und bremst den Track etwas unvorteilhaft aus. Gute treibende
Wendung dann aber zum Ende hin, ein paar kompositorisch gelungene
Schlenker in der Mitte. Auch die E-Gitarre ist schön sparsam und
manchmal auch schneidend eingesetzt. Ein guter Abschluss einer nahezu
perfekten ersten Plattenseite.
****

Seite 2

1.
Midnight Rambler


Einziger Track für mich, der
unvorteilhaft gealtert ist. Zum einen, weil mein Bedarf an
psychopathischen Serienmördern in dieser an Krimkrimkrimis mit
psychopathischen Serienmördern übersättigten Zeit vollkommen
gedeckt ist und ich wirklich nicht noch “Bostonblut” brauche; zum anderen, weil ich nicht undedingt zwingend jubelnd
am Straßenrand stehe, wenn ein Mundharmonikaspieler des Weges kommt;
zum dritten, weil mich das midnightramblerische musikalisches Motiv
und dessen ausgewalzte, eher unspannende Umsetzung auf „Let It
Bleed“ mittlerweile langweilt. Meinetwegen ist „Midnight Rambler“
noch spannend, wenn sie’s live so runterrocken wie auf „Get Yer Ya
Ya’s Out“, aber mit dieser Version hier bin ich durch. Im Moment
zumindest.

„Get Yer Ya Ya’s Out“
wird übrigens auf Lärmpolitik keiner ausführlichen Behandlung
angedeiht gelassen. Von ein paar einsamen Höhepunkten abgesehen (zum
Beispiel „Love In Vain“ oder eben „Midnight Rambler“) lässt
mich das dortige Live-Geschehen ziemlich kalt. Wenn die 69er-Tour so
tolle Auftritte beinhaltet hat, warum hat die Band es dann nicht
gebacken bekommen, ein einziges dieser angeblich so mitreissenden
Konzerte zu dokumentieren, ohne dass Jagger sich nachträglich noch
Gesangspassagen im Studio einzusingen genötigt sieht, oder sonstwie
an den Aufnahmen per Overdub herumgespielt wird? Aber solch
nachträgliches Herumgefummele ist ihm ja auch später nicht
auszutreiben gewesen. Ich erinnere mich an ein Reissue von „Some
Girls“ als Doppel-CD mit Bonustracks, die Jagger dann Jahrzehnte
später noch gesanglich aufpoliert hat – mit übertrieben
pronounziertem Gesang, wie er sich ja immer mehr in seinen Stil
eingepflanzt hat im Laufe der letzten Jahrzehnte. Keine gute Idee.
Doppel-CD wurde wieder secondhand verkauft, ohne dass Tantiemen
geflossen sind. Nehmt das, Stones!
***1/2

2. You Got The
Silver



Richards erster Song als alleiniger Sänger ist
seit jeher einer meiner liebsten der Stones. Den
Richards-Gesangsbonus, den ich immer vergebe, brauchts hier gar
nicht. Falls man mich mal singen hören möchte, dann bietet sich
manchmal die Gelegenheit an einer roten Ampel in Schleswig-Holstein,
wenn ich im Auto diesen Song mitsinge. Das ist nämlich auch gut an
Richards: Was er singen kann, das können die meisten Menschen
tonlagentechnisch auch singen, selbst wenn sie sonst nicht singen
können. Wahre Folkmusik.
*****

3. Monkey Man


Atemberaubend magischer Anfang, bei dem ich es immer
etwas schade finde, dass da dann irgendwann so reingerockt wird. Das
dann aber wieder sehr gut, insofern ist alles verziehen. Richards
findet hier feine knappe Gitarrenfiguren, die sich harmonisch nicht
schnell auflösen. Watts Drumsound ist wieder großartig, wie auf der
ganzen Platte. Jagger kehrt die spießig-rassistische
„Affen“-Metapher, mit der sich Langhaarige zu der Zeit öfter
konfrontiert sahen, ins Gegenteil um und feiert sein Affendasein. Ich
kann das nur unterstützen. Jeder sollte sich glücklich schätzen,
ein Affe zu sein. Ich glaube ja, „Monkey Man“ und „Live With
Me“ haben ihren Ursprung in der „Their Satanic Majesties
Request“-Zeit erfahren, komme darauf aber vielleicht nochmal
zurück, falls ich besagtes Album Track-By-Track einmal durchnudeln
sollte. Den halben Punkt Abzug gibt es nur, weil ich gemerkt habe,
dass ich doch nicht so ganz verzeihen kann, dass sie den Anfang nicht
weiter ausgebaut haben. Sie hätten eine Symphonie daraus machen
sollen.
****1/2

4. You Can’t Always Get What You Want


Im
Prinzip kumuliert hier nochmal alles in besonders blendender Form,
was „Let It Bleed“ ausmacht: Die Einbeziehung auswärtiger Kräfte
wird großartig verknotet mit einer Songidee, die in diesem Fall aus
einem Zwei-Akkord-Gerüst auf der Akustikgitarre besteht, das den
ganzen Song durchzieht und das kaum merklich mit knappen
Funkeinsätzen auf der E-Gitarre verknüpft wird. Al Kooper brilliert
an Waldhorn, Piano und ungreifbar fließfähiger Orgel. Jimmy Miller
(und nicht Charlie Watts) spielt die vielleicht schönsten,
vollkommen leicht und kraftvoll den Beat umspielenden Drums der
Stones-Geschichte. Jagger glänzt mit beeindruckender Gesangsleistung
und episodisch angerissenen Rätselversen, die sich von/über/mittels
Drogen von kirsch- nach blutrot verfärben, ein paar Charaktere
anreißen und dabei sicher ihre Inspiration von diesem Typen drüben
aus Duluth bezogen haben. Der Bach-Chor erhaben und treibend. Die
Bongos addieren großartig einen Gegenbeat. Produzent Miller knüpft
hier eine gigantisch gute Textur. Ein siebenminütiges
Paradebeispiel, wie Sound nicht in solistischen Einzeltaten, sondern
in vertikalen Strukturen entworfen sein kann.
*****

Fazit:
Es gibt einige Gemeinsamkeiten beim Aufbau von „Let
It Bleed“ und „Beggars Banquet“. Wobei es oft keine Parallelen
sind, sondern vielmehr Fortschreibungen und Perspektivwechsel. Aus
der spätpubertierenden Revolutionsfantasie eines Mittelklasse-Jungen
aus relativ sicheren Verhältnissen wird der Ernstfall mit
Vergewaltigung und Mord in unbehüteten Arealen. Der Flirt mit dem in
guten Umgangsformen bewanderten Teufel springt um in die gar nicht
mehr charmante Geschichte eines Massenschlitzers. Die streunende
Katze, die nun ernster genommen wird, habe ich oben schon erwähnt.
Mit „Love In Vain“ ist das zweite Kapitel geschrieben in der
Blues-Trilogie der verlorenen Liebe, die mit „No Expectations“
begann und auf „Sticky Fingers“ mit „I Got The Blues“ endet.
Die zweifelnde Country-Hochzeitsburleske „Dear Doctor“ wird durch
die feierlaunige Country-Bar-Burleske „Country Honk“ ersetzt.
“Jig-Saw Puzzle” und “You Can’t Always Get What You
Want” verbindet Struktur, Langstrecke und verdylanisierte
Episoden-Lyrik.

„Let It Bleed“ ist eine überzeugende
Weiterentwicklung von „Beggars Banquet“. Hin zu mehr Offenheit,
auch hin zu einer gewissen majestätischen Größe im Soundentwurf.
Auf „Beggars Banquet“ steckten sie die Köpfe zusammen, mit „Let
It Bleed“ gingen sie erhobenen Hauptes vor die Tür.
*****

(Reihe
wird fortgesetzt)
Bewertung:
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