19/09/2020

MATERIAL: am punkt voraus

MATERIAL: TEMPORARY MUSIC
(1980)

Instrumentalrockmusik mit Gitarrensoli war 1980 undenkbar, oder besser: untolerierbar. Instrumentalrockmusik gab es nicht. Es gab Stimmen, die nicht schön oder voll sein wollten, es gab ein Entmenschlichen des Gesangs als Spiegel der „Realität“, es gab Abgründe, aus denen Stimmen verzweifelt heraufschallten. Es gab auch die fröhlich-subversive Mitteilsamkeit von Popsongs: Eine kindische Freude daran, die Charts zu usurpieren. Aber Instrumentalrockmusik gab es in dieser (meiner) Welt nicht.

In dieser Zeit also kam „Temporary Music“ in mein Leben, ohne dass ich wusste, dass sie im Prinzip acht Jahre früher vorwegnahm, was ich dann bei SST (wieder super) fand: Jazz und Gitarrensoli, gespielt als Punk oder Metal, oder NYC-Mutanten-Disco. Ich denke immer noch, dass SST höchstens zu dieser total entwickelten Musik von Material aufschließen konnte. Überwunden hat sie sie nie.

Ich war jedenfalls 1980 nach der vollständigen Pulverisierung von Gitarrensoli als künsterisches Ausdrucksmittel trotzdem davon eingenommen, konnte den Zukunftswert dieser Musik erschließen, auch wenn ich innerlich mit meinen Wave/Punk-Dogmen kämpfte.

Die Soli waren noch nicht mal versteckt, sondern wirkten ganz offensiv vordergründig platziert. Die recht brachial knetenden funky Pattern sahen sich nicht bemüßigt, die Gitarrenarbeit ironisch zu brechen, es war ihnen also ernst mit allem, was man hörte.

„Temporary Music“ war visionär. Nicht nur in punkto Gitarrenarbeit, die sowieso nur die Hälfte des Albums einnimmt, welches eigentlich eine Compilation von Arbeiten der Jahre 1979-80 darstellt. Auch in der fast schon gewaltsamen Rhythmusarbeit lässt sie Disco und Funk gefährlich und präzise um sich schlagen. Höre ich die Musik heute in 2010, dann erscheint sie mir immer noch an einem Punkt, der noch nicht eingeholt worden ist, nur aus dem Zentrum hat er sich weiter entfernt. Aber das ist die Schuld des Zentrums, nicht die Schuld der Musik.

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