27/11/2020

Michael J. Sheehy: Bitte zerschinden!


Die spiegelglatte Plastik-Hülle von Michael J. Sheehys neuer CD „Ghost On The Motorway“ war schon übel zerkratzt, kaum vier Tage nachdem sie mir ein freundlicher Geist über den Motorway hat zukommen lassen. Ein gutes Zeichen. Denn gute Musik bekommt bei mir nicht nur zwingend einen Körper nachgekauft, selbst wenn sie erstmal körperlos als mp3-Datei vorhanden sein sollte, sondern sie bekommt dann auch sehr schnell einen geschundenen Körper. Aberdutzende dieser geschundenen LP-Cover stehen und liegen hier rum, zerfleddert, an den Ecken vom vielen Angefummel ganz weich und faserig geworden, die Titel auf dem schmalen Rücken ins Unleserliche abgerieben. Bei CDs mit guter Musik geht die Abrasion noch schneller voran als bei LPs. Die Plastikhüllen wandern ständig zwischen Wohnung und Auto hin und her, um ja keine Gelegenheit ungenutzt zu lassen, deren Inhalt lauschen zu können. Sie werden während der Autofahrt blind durchwühlt und gegriffen und dann wieder und wieder zurück geworfen auf den Plastikhaufen der gerade als essenziell empfundenen CDs, der sich chaotisch auf dem Nebensitz türmt, oder sie fallen gar in den tiefen Gletscherspalt zwischen Sitz und Tür, eingeklemmt und verletzt wie Bergsteiger, die sich beim Sturz ihre Knie an den steilen Felswänden aufschlagen. Sammelt man die CDs am Ende des Tages wieder ein und stopft sie hektisch unter viel Plastikgeklapper in den noch sandigen Rucksack und schüttet ihn dann in der Wohnung wieder aus, haben die Hüllen den Status von undurchsichtigem Milchglas erlangt.

Genau so muss gute Musik aussehen!

Michael J. Sheehys neue CD „Ghost On The Motorway“ sieht genau so aus. Eigentlich sieht auch Michael J. Sheehy so aus. Auch er ist gerüttelt und geschüttelt worden vom Leben, hat Blessuren abbekommen, sich zum Beispiel am Glauben gerieben (der Spiegel würde „zwischen Papst und Porno“ stabreimen, oder „zwischen Gospelkirche und Gangbangkino“) und ist einige Male vor den Kopf gestoßen worden, durch Trennungen, Enttäuschungen, Irrtümer und den Folgen irischer Trinkfestigkeit – und mindestens auch durch recht chronische Erfolglosigkeit. Sheehy hat also was erlebt, und guter Musik steht es ausgezeichnet, wenn sie was erlebt hat. Es liegt daher nahe, dass sich Sheehys Musik an anderen erlebnisgetränkten Musiken orientiert. An Tom Waits zum Beispiel, an Leonard Cohen, an kontemplativen, indifferenten Momenten von Van Morrisson meinetwegen auch. Addiere Gospel, addiere schwergängigen, alten Folk („alt“ wie in „old primitive“), addiere nicht gehaltene Versprechen, addiere den lakonischen Katzenjammer nachdem das Blut der gebrochenen Nase getrocknet ist. Und addiere ein paar seltsame Augenblicke der Beau Brummels, als diese ohne Drummer ihre Folklinse künstlich unscharf stellten, um in nicht greifbarem Zwielicht zu versinken. Addiere auch eine virtuos zwischen Transparenz und mumpfig-aufgesumpft austarierte Produktion, die genau so viel im Klaren lässt, dass sie klarstellt, dass das Wichtige im Unklaren verborgen bleiben muss. Und je mehr ich Michael J. Sheehys „Ghost On The Motorway“ zwischen Auto und Wohnung zerschinde, desto mehr verbirgt sie vor mir. Sie hat sich jede Schramme redlich verdient.
M.J. SHEEHY WEBSITEROBERT MIEßNER ÜBER SHEEHY

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