24/11/2020

MICHAEL ROTHER fernwärme

  

MICHAEL ROTHER fernwärme
1982


Im doofen “Popsommer von ’82™” lief
tatsächlich soviel Popzeug, den ich toll fand, gemischt mit
sperrigem Wave-Zeugs, das ich auch toll fand, hatte zusätzlich noch
privat alles Mögliche an Kram am Laufen, sodass ich mich nicht auch
noch um Michael Rother kümmern konnte, zumal ich Neu! und Rother
sowieso erst 70 jahre später kennenlernen sollte und zu schätzen
verstand.

71 jahre später kramte ich im “Deutsch”-Fach
des kettenrauchenden Plattenhändlers meines Nichtvertrauens diese LP
von Michael Rother von 1982 hervor, die ich noch nie mitbekommen
hatte, die mich aber aufgrund des “Rother hinter
Gittern”-Covers, ihrer implizierten dunklen Färbung und des
genialen LP-Titels – “Fernwärme” – ansprang. Für 5 Euro
hielt ich sie fest an meinen akzeptabel flach geformten Bauch, fuhr
sie im protzig-weißen AudiA4-Firmenwagen nach Hause und schmiss sie
auf den ollen Thorens-Plattenspieler, dessen
Pickering-Tonabnehmersystem die Musik via 28 Jahre altem
Rotel-Verstärker auf die 28 Jahre alten B&W-Boxen übertrug.

Und dort auch erstmal blieb. Nicht ganz das upliftende Gefühl
der Vorgänger “Flammende Herzen”, “Sterntaler”
und “Katzenmusik”, dafür dunkler, getragener, ohne Enttäuschung oder Frustration. Hier musste
niemand abrechnen. Die Mannschaft ist dieselbe geblieben, nämlich Rother an
den Drähten, Tasten und Saiten, ab und an Liebezeit an den Fellen –
und Rike auf der Kommandobrücke der Coverrealisierung.

Viel
läuft über Synthies, die Rothergitarre darf nur sehr selten
rothern. Manchmal schaltet Liebezeit einen Beat zu, manchmal nicht.
Oft nicht. Wer damals, 1982, Postcard-Singles hörte, dem muss
“Fernwärme” vorgekommen sein wie eine Vollbremsung. 2012
sind solche geschichtschronologischen Zuschreibungen sowieso völlig
egal. Wen interessiert schon, ob etwas 1982 oder 1976 oder 1984 oder
1992 erschienen ist? Es ist ewig her, nur das interessiert.

Als Meditation hinter
kellergeschossigen Gittern ist “Fernwärme” immer noch zu
gebrauchen. Sehnsüchtige Schatten verdichten sich. Aber während ich
das hier schreibe, höre ich bezeichnenderweise die zweite Seite von
“Flammende Herzen”. 

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