21. Januar 2026

MICHAEL ROTHER fernwärme

  
 
MICHAEL ROTHER fernwärme
1982
 

Im doofen „Popsommer von ’82™“ lief tatsächlich soviel Popzeug, den ich toll fand, gemischt mit sperrigem Wave-Zeugs, das ich auch toll fand, hatte zusätzlich noch privat alles Mögliche an Kram am Laufen, sodass ich mich nicht auch noch um Michael Rother kümmern konnte, zumal ich Neu! und Rother sowieso erst 70 jahre später kennenlernen sollte und zu schätzen verstand.

71 Jahre später kramte ich im „Deutsch“-Fach des kettenrauchenden Plattenhändlers meines Nichtvertrauens diese LP
von Michael Rother von 1982 hervor, die ich noch nie mitbekommen hatte, die mich aber aufgrund des „Rother hinter
Gittern“-Covers, ihrer implizierten dunklen Färbung und des
genialen LP-Titels – „Fernwärme“ – ansprang. Für 5 Euro hielt ich sie fest an meinen akzeptabel flach geformten Bauch, fuhr sie im protzig-weißen AudiA4-Firmenwagen nach Hause und schmiss sie auf den ollen Thorens-Plattenspieler, dessen
Pickering-Tonabnehmersystem die Musik via 28 Jahre altem
Rotel-Verstärker auf die 28 Jahre alten B&W-Boxen übertrug.Und dort auch erstmal blieb. Nicht ganz das upliftende Gefühl der Vorgänger „Flammende Herzen“, „Sterntaler“ und „Katzenmusik“, dafür dunkler, getragener, ohne Enttäuschung oder Frustration. Hier musste niemand abrechnen. Die Mannschaft ist dieselbe geblieben, nämlich Rother an
den Drähten, Tasten und Saiten, ab und an Liebezeit an den Fellen –
und Rike auf der Kommandobrücke der Coverrealisierung.

Viel läuft über Synthies, die Rothergitarre darf nur sehr selten
rothern. Manchmal schaltet Liebezeit einen Beat zu, manchmal nicht. Oft nicht. Wer damals, 1982, Postcard-Singles hörte, dem muss
„Fernwärme“ vorgekommen sein wie eine Vollbremsung. 2012 sind solche geschichtschronologischen Zuschreibungen sowieso völlig
egal. Wen interessiert schon, ob etwas 1982 oder 1976 oder 1984 oder 1992 erschienen ist? Es ist ewig her, nur das interessiert.

Als Meditation hinter
kellergeschossigen Gittern ist „Fernwärme“ immer noch zu
gebrauchen. Sehnsüchtige Schatten verdichten sich. Aber während ich das hier schreibe, höre ich bezeichnenderweise die zweite Seite von „Flammende Herzen“.