25/10/2020

NATHAN BELL versammlungsfarben

NATHAN BELL colors
2011

Das Banjo hat Reisen hinter sich, die nicht selten in immer größere Einsamkeiten geführt haben. Ursprünglich zu Tänzen aufspielend, wurde es mitsamt seinen afrikanischen Spielern versklavt und der Kultur entrissen, in die es eingebunden war. Dann verlor das Banjo nach und nach seine afrikanische Identität, weil es als Vorzeigeinstrument missbraucht wurde, um den “Sweet Sunny South”-Mythos vom armen, aber glücklichen Schwarzen unwiderbringlich in das amerikanische Bewusstsein zu implementieren. Noch heute entspricht der einsam auf der Holzveranda gefällige Melodien pluckernde Banjo-Spieler einer romantischen Idealvorstellung, der sich viele Spieler nicht entziehen können. 

Aber das einsamste der einsamen Banjos ist nicht dasjenige, welches ganz einsam spielt, sondern dasjenige, dem andere Instrumente zurufen, wie einsam es doch ist.

Solche Zurufe bekommt Nathan Bell auf “Colors“. Vorsichtig arrangierte Zurufe von Cello oder Violine, von Drums und Bass, auch mal von einer Trompete, ja sogar auch mal mit verstärktem Banjo. Freie Musik größtenteils, an Wände gespielt, auf ein Mikro zurückgeworfen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit durchzieht die Musik, aus der sich aber auch immer wieder ein Detail löst und den weiteren Verlauf der Musik entscheidend mitgestaltet. Als hätte sich aus einer recht festgezurrten Situation doch noch ein öffnender Ausweg ergeben. Zweimal wird es banjo-elektrisch, einmal mit “Mind to mind” in schleppender Verzerrung, schleppenden Drums und Bass. Mit Vorkenntnissen kann man an dieser Stelle erahnen, dass Nathan Bell eine zeitlang Bassist bei Lungfish war, einer Riff-Core Band, die über Dischord Records veröffentlichte und in der Daniel Higgs sang.

Die Trompete auf “Singing Through The Air” müsste Robert Wyatt gefallen, weil sie an Mongezi Feza erinnert, nicht so sehr an dessen Spielenergie, sondern ein bisschen von seinem freien, unangestrengten Spiel hat, mit dem er auf Wyatt’s “Rock Bottom” ein paar traumatische Erinnerungen unterfüttert. 

Die Titel auf Colors ergeben übrigens aneinandergereiht folgende drei von Geist und Tod und dem Leben für das eine und durch das andere handelnden Sätze: Pilgrim / from within we are / living for the dead. Mind to mind / we still practise / an absence of thought. / Dead yet living, we will go / singing through the air.

2 Gedanken zu “NATHAN BELL versammlungsfarben

  1. lungfish kenne ich nicht, aber wenn ich mir mind to mind so anhöre, fällt mir sofort GYBE! ein. die vier hörbeispiele auf bandcamp sind auf jeden fall sehr schön und spannend. kurz gesagt: musik die mir gefällt und bei der ich kaum darum herum kommen werde zu bestellen (zumindest eher als caravanserai. um die schleiche ich schon jahre herum. aber irgendwie reißt es mich dann doch nie so vom hocker. und nur wegen des covers, nö). und weil es COLORS sogar auf vinyl gibt, juckt es mir im ''bestell-finger''. sind die restlichen vier titel auch auf diesem niveau?

    viele grüße
    andreas

  2. Ja, der Rest ist auch auf dem Niveau, finde ich. Vinyl ist schön aufgemacht (siehe auch das Foto, wo ich alle LP-Devotionalien von colors mal kurz auf dem Fußboden verteilt habe) und direkt über Lancashire & Somerset zu beziehen.

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