25/09/2020

PJ Harvey: Verzerrt, beschwert, glamouriert

Wer aus der Wüste auftauchte und seither nie so richtig aus meinem Bewusstsein verschwunden ist, ist PJ Harvey mit „To Bring You My Love“ – meine erste Begegnung mit ihrer Musik. Jahre später stellte ich fest, dass PJ Harvey die Platte nicht nur mit dem gleichen Vers einleitet wie Beefheart seine „Safe As Milk“-LP – „I was born in the desert …“-, sondern dass sie auch das gleiche Gitarrenthema für die Einleitung benutzt, nur verlangsamt und mit tieferer Tonhöhe gespielt. „To Bring You My Love“ ist nämlich letztendlich eine Bluesplatte, verzerrt, glamouriert, beschwert mit Religion und Abstraktion (auch das ist Blues-typisch), mit Bitten und Tod, mit Wut und Wahrheit an Stellen, die besonders weh tun. Dabei aber eingehüllt in schwere glänzende Seide der Komplementärfarben Rot und Grün. Das finde ich faszinierend: Der Glamour und die schweren Vorhänge auf „To Bring You My Love“ relativieren den Schmerz nicht, sind kein Schild, der PJ Harvey schützt, obwohl doch gerade Glam und fette Produktion so einen guten Schutz abgeben und den Ernst der Lage abzupuffern in der Lage sind. Stattdessen bin ich jedes Mal erschüttert, wieviel von ihrem Kern sie preiszugeben scheint (anders als der nicht nur musikalisch ähnlich arbeitende Nick Cave, dem ich oft seine Posen anzumerken glaube). Ich wundere mich dann immer um so mehr, wie Polly Jean Harvey nach einem neuen Album einfach so ein Interview geben kann, als wäre nichts geschehen, selbst wenn sie im Interview ausführt, was alles geschehen ist. Seit Wochen höre ich „To Bring You My Love“ immer wieder, wollte ich doch einige Beispiele genau benennen, wo mir eine Soundidee, eine Gitarrenverzerrung, ein bassiges Brummen, eine Orgel, in der das Wimmern der Welt steckt, eine Zeile oder verzerrtes Krächzen in der Stimme besonders symptomatisch, erschütternd und wertvoll erscheint, aber nun wo ich am Schreibtisch sitze, ohne Musik, ohne Anhaltspunkt, ist es mir nicht möglich, Einzelheiten zu benennen. Mir scheint, mit dem Hervorheben von Details werte ich das Nicht-Genannte ab, was mir sehr ungerecht vorkommt. Vielleicht ist auch das ein Merkmal großer Kunst.

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