The Rubber Room: The Haunting, Poetic Songs of Porter Wagoner 1966-1977
Ich habe keine Ahnung, wie man diese Art des Nashville Psycho-Countrys nennt. Ich kenne mal gerade mal den Unterschied zwischen Bakersfield- und Nashville-Sound, wobei der Bakersfield-Sound eher den Country-Sound eines klassischen Band-Line-Ups repräsentiert (also für in die Jahre gekommene Indie-Weicheier wie mich bestens geeignet). Nashville-Sound ist oft der Streicher- und Pedal-Steel-Kitsch klischeereicher Countryschleimer, wenn’s schlecht läuft. Porter Wagoner war auch Nashville, aber auf dieser Zusammenstellung unglaublicher Songs, die Wagoner zwischen 1966 und 1977 aufnahm, ist der Schleim durch fast schon sengende Leidenschaft ersetzt, genial an der Kante zum over-acting, als wäre er der Vincent Price inna Nudie Suit der Grand Ol’ Opry (und ich glaube, genau DAS war er auch), mit Mordbereitschaft (nachdem er die „kalten, harten Fakten des Lebens“ ansichtig wurde), der nicht seltenen Begegnung mit dem Bösen schlechthin, einer bizarren Hommage an das Knochengerüst („Bones“), Ansichten aus der Gummizelle („Rubber Room“) usw. usf.
Cover, Dramen, Teufelszeug


Eines der Alben, aus denen diese verletzten, kleinen Nashville-Dramen gesogen wurden, heisst schlicht „Experience“, auf anderen schaut er buchstäblich tief in die Flasche mit dem Teufelszeug drin, dann wieder überrascht er seine Frau mit einem anderen, und glaubt mir, er hat nicht die Faust in der Tasche, dafür aber immer ein praktisches Messer dabei. Dann wieder umringt ihn der Schmerz, und der Schweiss rinnt ihm aus dem ganzen Gesicht, wie Tränen, so zahlreich, dass die Augen nicht ausreichen, um sie heraus zu lassen; zwischendurch machte er auch mal mit Dolly Parton rum, die ja auch ein Herz für die Armen und die Gescheiterten hat.

Am Rand des Sinnzusammenhangs
Das Ganze dann im astreinen, gerade eben mal nicht zu vollgepumpten Sound, dafür aber mit irren Halleffekten an unpassenden Stellen, ein wenig Esquivel-Background-Gesang (Wagoner war übrigens auch der erste Country-Sänger, der sich von einer reinen Frauen-Band begleiten ließ), Wah-Wah, und wasweissichnochalles beschwert, beflügelt, beknallt, beworfen, beseelt. Diese Zusammenstellung kommt vom Rande irgendeines Sinnzusammenhangs irgendeines Universums neben der Tasse. Soviel Leidenschaft, Morbidität, brennendes Pathos, es trifft mich wie das erste Mal James Brown hören (den Freund Porter Wagoner mal mitnahm in die Grand Ol’ Opry – „the bastion of southern conservatism“ – Liner Notes). Mit James Browns Vortragsweise hat das Ganze allerdings nichts zu tun. Man sollte vielmehr Country-Walzer-Grooves mögen.