30/11/2020

Porter Wagoner: Out of the silence (kommt der Wahnsinn)

Porter Wagoner – The Rubber Room

The Haunting, Poetic Songs of Porter Wagoner
1966-1977

Ich habe keine Ahnung, wie man diese Art des Nashville Psycho-Countrys nennt. Ich kenne mal gerade erst seit ein paar Jahren den Unterschied zwischen Bakersfield- und Nashville-Sound, wobei der Bakersfield-Sound eher den Country-Sound eines klassischen Band-Line-Ups repräsentiert (also für in die Jahre gekommene Indie-Weicheier wie mich bestens geeignet). Nashville-Sound ist der Streicher- und Pedals-Steel-Kitsch klischeereicher Countryschleimer. Porter Wagoner ist Nashville, er muss also auch schleimen, ganz sicher, aber auf dieser Zusammenstellung unglaublicher Songs, die Wagoner zwischen 1966 und 1977 aufnahm, ist der Schleim durch fast schon sengende Leidenschaft ersetzt, genial an der Kante zum over-acting, als wäre er der Vincent Price inna Nudie Suit der Grand Ol’ Opry (und ich glaube, genau DAS ist er auch), mit Mordbereitschaft (nachdem er die „kalten, harten Fakten des Lebens“ angesichtig wurde), der nicht seltenen Begegnung mit dem Bösen schlechthin, einer bizarren Hommage an das Knochengerüst („Bones“), Ansichten aus der Gummizelle („Rubber Room“) usw. usf.

Und das Beste: Ich kenne Porter Wagoners „Rubber Room“ erst seit heute mittag!

Eines der Alben, aus denen diese unfassbaren, verletzten, kleinen Nashville-Epen gesogen wurden, heisst schlicht „Experience“, auf anderen schaut er tief in die Flasche mit dem Teufelszeug drin, dann wieder überrascht er seine Frau mit einem anderen, und glaubt mir, er hat nicht die Faust in der Tasche, dafür aber immer ein praktisches Messer dabei. Dann wieder umringt ihn der Schmerz, und der Schweiss rinnt ihm aus dem ganzen Gesicht, wie Tränen, so zahlreich, dass die Augen nicht ausreichen, um sie heraus zu lassen; zwischendurch macht er auch mal mit Dolly Parton rum.
Das Ganze dann im astreinen, gerade eben mal nicht zu vollgepumpten Sound, dafür aber mit irren Halleffekten an unpassenden Stellen, ein wenig Esquivel-Background-Gesang (er war übrigens auch der erste Country-Sänger, der sich von einer reinen Frauen-Band begleiten ließ), Wah-Wah, und wasweissichnochalles beschwert, beflügelt, beknallt, beworfen, besoult. Ich habe sowas noch nie gehört, aber wie schon gesagt, ich kenne mich da auch nicht wirklich mit aus. Macht nichts, diese Compilation kommt vom Rande irgendeines Sinnzusammenhangs irgendeines Universums neben der Tasse. Soviel Leidenschaft, Morbidität, brennendes Pathos, es trifft mich wie das erste Mal James Brown hören (den Freund Porter Wagoner mal mitnahm in die Grand Ol’ Opry – „the bastion of southern conservatism“ (Liner Notes)). Mit James Browns Vortragsweise hat das ganze allerdings nichts zu tun. Man sollte vielmehr Country-Walzer-Grooves mögen.

4 Gedanken zu “Porter Wagoner: Out of the silence (kommt der Wahnsinn)

  1. auf der letztjährigen, auch wirklich zu empfehlenden THE TRIP compilation von pulps jarvis cocker war auch ein wagoner-track drauf: rubber room. spitze!

  2. Nashville-Sound ist der Streicher- und Pedals-Steel-Kitsch klischeereicher Countryschleimer
    Das ist reichlich verkürzt und in dieser Form natürlich erstmal nicht richtig.

  3. du hast recht, so in seiner absolutheit, wie ich ihn hinschrieb, ist der satz nicht richtig. ich wollte damit ein wenig verdeutlichen, wie toll nashville sein kann, wenn jemand wie porter wagoner den kisch und schleim mit psycho und unbequemer leidenschaft veredelt.

  4. Nashville ist gar nicht so selten besser als sein Ruf. Man denke nur an Glenn Campbell, Conway Twitty oder Patsy Cline. Es ist eben sowas wie die Pop-Abteilung des Country, das wertet es aber nicht per se ab…

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