26/10/2020

PSYCHEDELIC FURS: dylan dylan dylan

THE PSYCHEDELIC FURS – talk talk talk (1981)

Die Psychedelic Furs aus England nannten sich 1979/80 so, weil sie einen Namen suchten, der sie maximal von Punk und Wave abgrenzen sollte. Da passte „bewusstseinserweiternd“ (Iiiiieehh! Hippie!) und „sanft“ (Iiiiieehh! Weichei!) ganz gut: Die Psychedelischen Nerze waren geboren!

Weicheier waren sie trotzdem nicht, jedoch meinten sie auf ihrer ersten, selbstbetitelten Platte (von 1980) das Wort „Psychedelic“ durchaus ernst: Etwas auseinanderdriftende E-Gitarren-Exkursionen, mit okayem Saxophon garniert, insgesamt mit lockeren Knoten zusammengehaltene Songs, die aber durchaus referentiell an Punk und Wave angedockt waren. Nicht zuletzt auch Dank des kehligen Gesangs von Sänger und Texter Richard Butler, der zudem auch noch eine leicht schmierig-nasale Arroganz in seine Stimme zu legen pflegte, ein markantes Erlebnis. Auf dem Live-Shot vor rot angestrahlter Leinwand auf der Cover-Rückseite sehen sie aus wie die New Yorker Band Interpol gut 20 Jahre später, die sich ja sowieso auch das ein oder andere an Musik von dieser ersten LP der Furs abgeschaut hat.

Auf dem zweiten Album, „Talk Talk Talk“ von 1981, machten die Furs einen Riesenschritt vorwärts. Die Songs waren straff organisiert, dazu lauter und filigraner zugleich mit einem Soundwall belegt (der mir erst gar nicht, dann aber umso mehr gefiel). Butler legte viel Wert auf die Texte (die um Beziehungsprobleme und oberflächliches Leben in der Warenwelt kreisten, wenn ich es mal etwas plakativ ausdrücken darf) und die Furs spielten dazu kompakt, gewaltig und dicht, selbst in versöhnlichen Momenten. Kein Song sackte ab in indifferentes Spielen. Butlers Gesangstil hatte sich seine langezogenen Silben vielleicht von Roger McGiunn abgeschaut, auch ansonsten sehe ich in der Gitarrenarbeit gewisse gefühlte Parallelen zu den Byrds (auch wenn sie stark durch den Sound der Band zum Guten hin verbaut werden).

„Pretty In Pink“ steht für mich als Missing Link in einer Linie, die ihren Ausgangspunkt bei „Turn Turn Turn“ von den Byrds nimmt und bis zu „Makes No Sense At All“ von Hüsker Dü verläuft (mir fällt erst jetzt die Analogie von „Turn Turn Turn“ und „Talk Talk Talk“ auf!). Als würde ein und derselbe Song im Laufe der Jahre und der wechselnden Bedingungen mit immer mehr Wut und Zynismus aufgeladen werden. Butler machte offensichtlich eine Trennung durch, als er die Texte für „Talk Talk Talk“ schrieb.

Es gibt noch einige herausragende Momente auf „Talk Talk Talk“. Etwa das aggressive „Mr. Jones“; die Formverletzung durch den Einschub einer Sitar-ähnlichen Gitarre in „Into You Like A Train“; das längere „All Of This And Nothing“, wo Butler die Gegenstände aufzählt, die seine Verflossene ihm in der gemeinsamen Wohnung hinterlassen hat („You didn’t leave me anything/ That I can understand/ Now I’m left with all of this/ A room full of your trash“); das halbversöhnliche „She Is Mine“, und und und.

Danach gingen die Furs nach Amerika – ins Land von Butlers lyrischem Über-Einfluss Bob Dylan – und ließen sich von Todd Rundgren produzieren und von Flo & Eddie im Hintergrund gesanglich unterstützen. Der dabei entstandene Nachfolger von „Talk Talk Talk“ – „Forever Now“ (1982) – gelang ihnen hervorragend, auch wenn manches etwas gewollt auf Erfolgsdurchbruch drückte. Sie hatten die Psychedelik der perlenschnurigen Gitarrenläufe der Byrds gegen das Pathos der großen Geste von David Bowie getauscht (was im Nachhinein lustig ist, denn sie tauschten die Länder im umgekehrten Wechsel zur musikalischen Ausrichtung). Dieses eine Mal tat ihnen das noch gut.

Danach bekam ich noch zwei oder drei Platten von ihnen mit, von denen ich ein oder zwei besaß – und an der Vergangenheitsform kann man abschätzen, inwiefern sie dann noch eine Rolle in meinem Leben spielten. Mit zunehmender Schmiere im Haar von Richard Butler schien der Band die Substanz auszugehen. Aber „Talk Talk Talk“ bleibt ein Großwerk, das so zukunftsfähig geraten ist, dass selbst das Saxophon auch heute noch richtig am Platz klingt.

Und wer sich jetzt fragen sollte, aus welchem Anlass ich eine fast dreißig Jahre alte Musik mit diesem Text aus der Versenkung hole, dem antworte ich ganz locker aus der Hüfte: Nur so. Kein Todesfall ist hier zum Anlass genommen, keine in aktuellen Popkultur-Magazinen oder -Blogs hochgereichte Musik bezieht sich momentan auf die Psychedelic Furs. Es gibt auch keine Jubiläen zu feiern. Es stehen ebensowenig Solo-Aufnahmen ehemaliger Mitglieder kurz vor der Veröffentlichung, noch gibt es eine Reunion-Tour. Dieser Text entstand völlig unabhängig von hochgeschriebenen „Relevanzen“, mit denen sich das Geschäftsfeld “Pop-Kultur” gerne seiner eigenen Wichtigkeit versichert. Wenn ichs mir recht überlege, nehme ich Musik mehr und mehr genau so wahr, als wäre sie aus ihrer Zeit gefallen und in anderen Zeiten gelandet.

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