25/09/2020

ROBERT WYATT: kontaktsuche



Als ich in der WIRE las, dass Robert Wyatt während der Arbeiten an „Comicopera“ zum Alkoholiker wurde und die Beziehung zu Lebensgefährtin Alfreda Benge beinahe zerbrach, war ich so geschockt, dass ich das Album lange Zeit nicht hören konnte, obwohl ich es längst besaß. Mir ist erst dadurch bewusst geworden, dass die Beziehung der beiden und die in großzügigen abständen erscheinenden Platten Wyatts einen Fixpunkt in meinem Leben darstellen: Wenn eine Wyatt-Platte erschien, war ich beruhigt, nicht mit den Verhältnissen, aber damit, dass Wyatt wieder ein paar wundervolle Ideen zusammentragen konnte, mit denen zu beschäftigen sich lohnen würde. Mir schien dabei die Zusammenarbeit mit Alfreda Benge ein Beispiel zu geben, wie aus einem langjährigen gemeinsamen Leben eine sehr stabile, sich langsam entwickelnde, wirklich zeitlos gute Kunst entstehen kann.

Dass die Produktion dieser speziellen Zeitlosigkeit aber auf Kosten der Existenz gehen kann, war mir bei Robert Wyatt nie bewusst gewesen. Selbst wenn Wyatt auch in den Jahren vorher in Interviews andeutete, dass sein Stimmumfang nachlassen würde, hätte ich nie gelaubt, dass ihn seine langsam schwindenden Kräfte in den Alkoholismus (und damit in die Beziehungskrise) treiben würden. Die Krise ist überwunden, Wyatt hat seine Sucht im Griff, so scheint es, „Comicopera“ wurde fertiggestellt und Alfreda Benge übernimmt nun noch mehr aktive Parts auf einem Album ihres Lebensgefährten als ohnehin schon. Gegenseitig schreiben sie sich rührende und analytische Gedichte, die manchmal erst nach Jahren offenbaren, an wen sie adressiert sind.
Die Musik auf „Comicopera“ steckt wieder tief im Jazz (dem nachdenklichen, dem ironischen und auch dem fordernden) und in seinem Antipoden – der gleichzeitig ätherisch und weltlich klingenden, hohen Pop-Stimme Wyatts. Sie ist aber diesmal noch mehr aus dem Zusammenspiel entstanden und weniger aus den Spuren einer nachträglichen Produktion. Vielleicht sucht sie mehr Kontakt, als sie sich eingestehen will.
comicopera (2007)
art and design by Alfie Benge
ROBERWYATTANDSTUFF: sehr informativer Blog über Wyatt-relevantes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.