28/11/2020

ROSCOE HOLCOMB: irreales setting

Roscoe Holcomb entdeckte ich, als ich über wahlloses Herumgeklicke um Dock-Boggs-Links herum plötzlich einen Filmausschnitt fand, auf dem ein älterer, dünner Mann mit einer schneidenden Stimme auf einer Holzveranda saß und zum Tanz aufspielte. Etwas Irreales sog mich in diese Szenerie ein.

Eine kurze Zeit lang bin ich dem Romantizismus des hart arbeitenden Folkers anheim gefallen, als ich die Musik Roscoe Holcombs und der anderen Folkmusiker aus den Appalachen kennenlernte, die Leute wie Mike Seeger, Alan Lomax und John Cohen aus den Bergen Kentuckys ans Licht brachten. Ich werde aber diesen Kontext hier nicht platttreten, es reicht vielleicht ein Blick auf Holcombs durch Arbeit in einer Zementfabrik völlig zerfurchten und ausgetrockneten Hände. Es reicht auch zu wissen, dass „Moonshining“ ein geläufiger Begriff für das Brennen und den Schmuggel von illegalem Schnaps war und dass es anscheinend bestimmte Gegenden in Kentucky gibt oder gab, wo sich die Holcomb-Sippe nicht unbedingt blicken lassen sollte, weil da der ein oder andere Urahne möglicherweise ein paar Rechnungen offen ließ.

Was mich an Roscoe Holcomb erstarren lässt, ist sein Gesang, der ein dermaßen hochentwickeltes abstarktes Niveau hat, dass er eigentlich der ideale Typ für eine große Story in der „WIRE“ wäre, als ganz natürliches Bindeglied von Old Time Music, Ligeti und Neuer Musik. Ich bin gerne bereit, mir eine ausufernde Geschichte über Holcomb für ein schläfriges Feuilleton beliebiger Wahl aus den Fingern zu saugen, allerdings nur unter der Bedingung, sie wäre der Seite-Eins-Aufmacher. Ich kann den Text auch gerne auf „Aktuelle Krise“ bürsten, denn in den Appalachen herrscht sowieso Dauerkrise, die sich gegenwärtig darin zeigt, dass noch der letzte Rest an Kohle aus der Region herausgebrochen wird, indem einfach die Berghöhen weggesprengt werden und anschließend die Kohle aus dem Geröll geklaubt wird. Zurück bleiben arbeitslose Leute und schwerverletzte, tiefer gelegte Landschaften.

Hoch dagegen bleibt Holcombs Gesang, er singt einen Vers, zieht plötzlich die Stimme auf ein Plateau, bleibt dort mit einem langgezogenen Ton stehen (manchmal eine kleine Ewigkeit) und fällt von da aus dann wieder in den Vers zurück. Darunter legt er dann schnelle Banjo- oder Gitarrenfiguren. Selbst bekannte Songs – z.B. „House in New Orleans“ (a.k.a. „House Of The Rising Sun”) – klingen bei ihm total eigen und frisch. Zum Teil kann man sie kaum erkennen. Auch sehr ergreifend: Sein Gesang ohne Begleitung, nicht umsonst prägte Holcombs Stimme den Begriff des „high lonesome sound“, aus dem sich auch der Bluegrass entwickelte. Auf der CD „High Lonesome Sound“ sieht er aus wie der noch geheimnisvollere Zwilling von W.C. Borroughs. Und so wie sich Holcombs hoher langer Ton durch die Musik schneidet, hat er wirklich was von der Cut-Up-Technik, die Borroughs auf seine Texte anwendete, ohne diesen Vergleich jetzt überzustrapazieren.

Die Booklets zu den CDs sind üppig mit Texten und einigen Fotos ausgestattet. Das großartige Folkways-Label mit seinen Tonnen an interessanten historischen Aufnahmen stellt die Booklets zu den CDs auf der Website kostenlos zum Download als pdf-File zur Verfügung.

Roscoe Holcomb: The High Lonesome Sound. Aufnahmen 1961-74
Booklet als pdf-File

Roscoe Holcomb: An Untamed Sense Of Control Aufnahmen 1961-73
Booklet als pdf-File

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