28/09/2020

SANTANA sonne, sand und fusion

SANTANA – caravanserai 
1972

Seit ungefähr 20 Jahren keinen einzigen Gedanken mehr an Santana verschwendet. Und doch kommt mir immer mal wieder das Cover von “Caravanserai” vor die Augen. Unvermittelt, beim Durchforsten von Second-Hand-Vinyl zum Beispiel saugt mich die riesige, orangene, durch die Gasschichten am Horizont eliptisch deformierte Sonne ein, vor der in unwirklichem körnigen Türkis eine schemenhafte Karawane entlangzieht. Nach wie vor ein fantastisches Foto, besonders auch im Klappcover der LP (es gibt aber auch Versionen ohne Klappcover, die ich natürlich nicht empfehlen kann). Brian Wilson mag sich ja meinetwegen als Korken im Ozean gefühlt haben, als er “Til I Die” schrieb, aber sind wir nicht vielmehr eine Ansammlung von Sandkörnern in der Wüste, denen tagsüber die Sonne auf den Pelz brennt, während man sich nachts den Arsch abfriert?

Und obwohl ich früher von Santana recht viel hörte, hatten mich ihre Emo-Latin-Hits dann irgendwann doch nur noch furchtbar angenervt. Ich verkaufte den angesammelten Santana-Kram, um mir die erste Platte einer Band namens This Heat zu kaufen, oder so. Ein neuerlicher Zugang zum Gefühlsgegniedel von Carlos Santana schien mir auf immer versperrt. Lustigerweise musste ich aber  “Caravanserai” – Santanas vierte LP von 1972 – gar nicht verkaufen, denn ich hatte sie damals sowieso weder besessen noch gehört. Sie hatte den Ruf, unzugänglicher zu sein, zu einer Zeit, wo ich an Santana anderes als Unzugänglichkeiten schätzte. 

Schließlich passierte das Unmögliche: Ich sah ein tadellos erhaltenes Gebrauchtexemplar mit Klappcover im Plattenladen, schlich nochmal vier Wochen drum herum, spielte einen Download auf Heavy Rotation im Auto und gab dann tatsächlich im Jahre 2012 achtzehn Euro für eine Santana-LP aus!

Was ich bekam? Recht ungefälliges Latin-Fusion-Gebrodel, eingeleitet durch einen subbassigen Sinuskurven-Loop! Weiterhin fast keinen Gesang, und eine Band, die das Richtige macht, nämlich Carlos Santanas Gegniedel ins allgemeine Gekoche einzubetten, anstatt ihm die Bühne fürs Ego zu bereiten. Und inmitten der Einbettung macht der seine Sache wirklich größtenteils inspririert und teamorientiert. Zudem ist auf “Caravanserai” eine ganz tolle Version von Antonio Carlos Jobims “Stone Flower” drauf (dessen eigene Version ja eher unauffällig daher kommt – was natürlich der pure Luxus ist, so ein Ding einfach unauffällig rundlaufen zu lassen).

Lustig auch, dass derlei recht schwieriger Fusion-Scheiß-ohne-Hits (ist in diesem Fall nicht negativ gemeint, Wolfgang) damals Platin gehen konnte.

“Stone Flower” von Santana:

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