26/09/2020

The Baptist Generals – Fuck! It's On The Tape!


This is part of the TELL-US-WHY PROJECT

The Baptist Generals: No Silver /No Gold

Blog-Kollege Brinkmann verdanke ich den ein oder anderen Tipp an abseitiger, sich im Life-Struggle verheddernder Musik. Unter anderem auch diesen hier: Die Baptist Generals – die texanische Strassenkötervariante der Violent Femmes, wie ich sie nennen würde, würde man mich zu prägnanten Analogien zwingen.

Mich zwingt aber niemand zu prägnanten Analogien, und so hole ich jetzt etwas weiter aus, da ich textlich zur Geschwätzigkeit neige und mir sowieso die Forderung, man möge sich doch in Internetforen und Internetblogs kurz halten, weil niemand die Zeit und Muße hat, sich durch lange Texte zu „quälen“, schwer auf die Nerven geht.

Wer auch ständig genervt sein muss ist Chris Flemmons, Sänger und Komponist der drei Baptistengeneräle. Das Cover von „No Silver/No Gold“ illustriert den ungefähren Grad seines Genervtseins: Man sieht darauf den Kopf eines irritierten und ängstlichen Säuglings, über dem Sikorski-Doppelrotor-Hubschrauber kreisen, wie ein Heiligenschein aus Killerinsekten.
Flemmons stelle ich mir als kaum berechenbaren Typen vor, mit einer Portion Grundaggressivität ausgestattet, dabei recht gehemmt und nur selten mit seinen Gefühlen aus sich rauskommend, ausser natürlich, wenn er sich angegriffen fühlt, und er scheint sich verdammt oft angegriffen zu fühlen.

Flemmons heiserer Gesang klingt, als würde er einem an der Schwelle zur Übergewichtigkeit stehenden Körper gehören, auch wenn „gehören“ vielleicht nicht das richtige Wort ist, da die Stimme sich ab und zu der Kontrolle seines Besitzers zu entziehen scheint. Sie fängt dann an zu zittern und zu beben, ohne an Verve und Präsenz zu verlieren. Nie verfällt sie ins Jammern. Beim Hören habe ich den Eindruck, als wenn Flemmons nur einmal, ein einziges Mal, den jeweiligen Song absolut hinreissend hinbekommt, und der alleinige Grund, warum die Ausbeute an Tonträgern der Baptist Generals so erbärmlich gering ist (zwei (?) EPs und eine CD in neun Jahren), könnte der sein, dass Flemmons vermutlich hunderte von Songs geschrieben und gesungen hat, aber halt nicht immer ein Mikro da war, wenn er diese eine einzigartige Superversion zum Besten gab. Manchmal ist dann aber doch zufällig ein Mikro und ein Wenig-Spur-Aufnahmegerät vorhanden, und wenn dann der kostbare Moment kommt, dann wird er durchgezogen bis zum Schluss – oder bis nach drei Minuten das Telefon klingelt, welches daraufhin in einem Wutanfall zu Kleinholz verarbeitet wird. Zu hören ist das auf dem intimen „Ay Distress“, mit dem „No Silver /No Gold“ seine knarrende Pforte öffnet.

Manchmal drängeln sich auf „No Silver /No Gold“ minimale Schepperdrums unhöflich nach vorne und machen großartig treibenden Krach. Eine Keyboardorgel sirrt und ein Cello brummt ab und an vor sich hin, ein akustischer Bass zerschellt fast an den Wiedergabegrenzen des Aufnahmegeräts. Ansonsten wird die Szenerie aber von sehr bestimmt geschlagenen LoFi-Gitarren beherrscht; und natürlich von Flemmons leicht angetrunken wirkender Vortragsweise mit texanischem Akzent, von dessen Power sowohl in kontemplativen wie auch in exaltierten Momenten ich nicht genug bekommen kann. Jeder Song ist künstlerisch soviel wert wie ein Ölfeld in der texanischen Wüste schmutzige Dollars abwirft. Indes werden die Baptist Generals von ihrer Musik nicht leben können. Sie scheinen auch wenig Interesse daran zu haben, ausserhalb von Texas aufzutreten. „No Silver /No Gold“ erschien 2003 in Deutschland auf Glitterhouse (und in den USA auf Sub Pop). Ihr Promoter (Hallo Stephan!) schickte mir vor zwei Jahren mal einen neuen Track zu, weil ich unbedingt wissen wollte, wann mal wieder was kommt aus Denton, Texas. Ein guter kleinteiliger Song, den aber der Odem des Überambitionierten umwehte („Raw From Self Destruction“ ist mittlerweile auf der MySpace-Seite der Baptist Generals zu hören). Als der Promoter bei Chris Flemmons nachfragte, ob dieser Song denn alles wäre, was sie hätten, erntete er pampige Antworten. Ich hoffe inständig, sie kriegen das mit dem Album noch irgendwie auf die Reihe und begnügen sich nicht mit selbstgenügsamen Auftritten in und um Denton, Texas.

„No Silver /No Gold“ gibt es bei Glitterhouse im Mail Order für 6,75 Euro. Die ebenfalls hervorragende, noch roughere EP „Dog“ gibt es dort für 4,75 Euro. Ich empfehle dringend den Kauf. Es soll noch eine andere, ältere EP geben, die ich aber nicht kenne. Ich kenne auch niemanden, der sie kennt. Kennt hier vielleicht jemand jemanden, der sie kennt?

See also other contributions on: THE TELL-US-WHY PROJECT – The Step-By-Step Top 50 List Of Your Favourite Records. Founded in May, 2007. Regulary released at the german INTRO-FORUM.

4 Gedanken zu “The Baptist Generals – Fuck! It's On The Tape!

  1. kürzlich in austin. will johnson von centro-matic erzählt u.a. auch von flemmons. das neue album war eingespielt und wurde verworfen. ab und an touren beide bands zusammen. ob aber noch einmal was auf platte kommen wird, schien auch johnson nicht klar zu sein. dieser aber wird sicher auch die ep vor dog – hier mal auf 2-3rds of Jim's Head und den hund achten – kennen. allein: was hilfts?

  2. danke für die infos, lieber ueberzahl.

    zur EP: ich dachte, wenn man jemanden ausfindig machen könnte, der die nämliche EP besitzt, könnte man sich vielleicht zu rein privaten zwecken eine kopie…

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