27/11/2020

The Beau Brummels – Gut trotz Fusselbartfans

The Beau Brummels
Volume 2
1965

Ich würde zu jedem Zeitpunkt seit ca. 1983 die Musik, die die Beau Brummels in der Zeit von 1965 bis 1968 ablieferten, auf dem Silbertablett präsentieren, egal was für ein gut gerührter Musikquark gerade wieder regieren würde. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Denn man kann die Band jederzeit so entdecken, wie auch ich sie in den 1980ern entdeckt habe. Dem voraus ging allerdings ein massiver Berg an Vorurteilen, der abgetragen werden musste, denn die Beau Brummels waren wie fast alle Sixties-Beat-Drechsler erstmal der Feind für Freunde von Punk und Wave wie ich. Ich hatte Sweet, die Beatles und Stones hinter mir gelassen, mich durch Pink Floyd und Supertramp geknutscht, Genesis und Al Stewart am Rande gestreift, nun aber, ab 1979 etwa, regierte das täglich Neue. Das Alte gehörte zerstört, denn mit ihm verband ich verachtenswerte Hippiekultur, schlimmer noch, ich verband mit ihm zerfurchte und entkräftete Alt-Hippies auf Plattenbörsen, die sich tatsächlich die Beau Brummels kauften. Ich sah es mit eigenen Augen! Feind, Feind, Feind! Der Teufel trägt Fusselbart (so nannte man das damals). In keinster Weise wollte ich also mit solchen Typen zu tun haben, die uralten Sixties-Kram hörten. Ich wollte Geräusche Für Die Zukunft hören! Den Widerspruch, den meine bleibende Beefheart-Bewunderung darstellte, verdrängte ich in meinem Gedankenkonstrukt. Aber die Beau Brummels? Lächerliche Beat-Musik!

Wie so oft im Leben: Vorurteile sind super, bis man die rechte Gelegenheit findet, sie einfach mal zu überprüfen, denn natürlich hatte ich keinen einzigen Ton der Beau Brummels bis dahin je gehört. Die Gelegenheit bot sich über einen Bekannten, der sich damals gerade die Wiederveröffentlichungen der Beau Brummels- und der Seeds-LPs auf Line Records besorgt hatte. Ich lieh mir von den Beau Brummels „Introduction“ und „Volume 2“ aus und war sofort überzeugt – ganz besonders von „Volume 2“ -, vielleicht auch, weil mich das Neo-Sixties-Revival der damaligen Zeit (für mich waren die 80er in keinster Weise ein Jahrzehnt von Depeche Mode und Synthie-Pop) wieder mit Macht auf die Beatles, Beach Boys und Byrds stieß (deren Platten ich vorher natürlich alle verkauft hatte).

Die Beau Brummels müssen den Vergleich mit den großen B’s der 60er-Popmusik nicht scheuen, denn „Volume 2“ steckt beispielsweise das frühe Prä-Psych-Werk der Byrds locker in die Tasche. Makellose Songs, ähnlich der Byrds auf Folk-Sedimenten abgelagert und mit mehrstimmigem Gesang beschichtet, aus der Bay Area der vorgeblich unschuldigen Zeit vor 1966, in der Zeit also bevor das Kokain tonnenweise auf Luxusjachten unter der Golden Gate Bridge hindurchgeschippert wurde. Songs, denen man zwar noch den Einfluss der British Beat Invasion anhört, die sich aber schon von ihrem Einfluss zu befreien wissen (anders als ihre schwächere erste Platte „Introduction“) und dessen große songschreiberische Eleganz von „I Want You“, „Tell Me Why“, „Sad Little Girl“, „Don’t Talk To Strangers“, „Woman“ (bestes Beat-Instrumental wo gibt) mich bis heute zu keinem Zeitpunkt im Stich gelassen hat – obwohl ich sie bis vor kurzem nur als össelige Cassette besaß. Ron Elliott gehört zu jenen seltenen Songschreibern, die ihre Songs mit immer neuen Ideen vor Langeweile schützen, ohne ihre Struktur aufzugeben und dessen Texte auch von Trauer und Verständnis zu erzählen wissen.

Sal Valentino ist einer der ausdrucksstärksten Sänger, die je das Glück hatten, einer klassischen Bandbesetzung (git, git, bass, drums, voc) vorstehen zu dürfen und dessen sanftes Tremolo vielleicht seinen italienischen Vorfahren geschuldet ist, was vielleicht auch die leidenschaftliche Balance zwischen Sensibilität und Offensive erklärt. Zudem gelang es Produzent Sly Stewart (der später als Sly Stone den Aufstieg und Fall des Superstardoms beispielhaft exerzieren sollte), eine für 1965 sensationell klare Produktion aus dem beschränkten Equipment herauszukitzeln. Die Gitarren perlen auf den besten Stücken so klar und erhaben, wie sie Roger McGuinn zu jener Zeit vielleicht in besonders fantasiereichen Träumen herbeigewünscht haben mag. Die Songs folgen immer einer Maxime: Langweile nie – auch nicht, wenn du von betrüblichen Dingen wie einem traurigen, kleinen Mädchen erzählst! Zusammen ergibt das eine mich immer wieder berührende Mischung extremen Talents und langsam aufbrechender Unschuld. SF-Bay-Area-Beatmusik at its highest level.

Man kann sich anhand der Analogie mit den Byrds übrigens auch die Qualität der Folgeplatten der Beau Brummels herleiten: „Volume 2“ ziehe ich in jedem Fall dem Frühwerk der Byrds vor, wohingegen deren Einstieg in die Psychedelische Ära mit „Younger Than Yesterday“ noch überzeugender gelang als den Beau Brummels mit „Triangle“ (das aber trotzdem einige ganz hervorragende Songs enthält). In der anschliessenden countryfizierten Phase, der sich beide Bands zuwendeten (die Beau Brummels ein knappes Jahr eher übrigens), haben wiederum die Beau Brummles mit „Bradley’s Barn“ die Nase vorn, das doch um einiges besser ist als das zwar hochgelobte aber doch ziemlich langweilge „Sweetheart Of The Rodeo“ von den Byrds.

2 Gedanken zu “The Beau Brummels – Gut trotz Fusselbartfans

  1. bester werner, aber nicht "The Notorious Byrd Brothers" von 1968 vergessen, die bekommt 9 von 10 Punkten. Ein Kurzvergleich "Best of Beau Brummels" mit den Byrds bis 1966 mag zwar unentschieden ausgehen, aber ab "Younger than Yesterday"… ich weiss nicht, da sind mir die Brummer zu brav. obwohl ich die bradley's barn nicht kenne..

  2. "The Notorious Byrd Brothers" von 1968, hm, lange nicht gehört. hast du da nicht so fette reissues mit liner-notes und 54 bonustracks? muss ich mir mal ausleihen von dir.

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