28/11/2020

The Books: Schnippel dir ein modernes Haus aus Folk!


The Books: Thought For Food (2002) Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen warum ich das so gut finde. Manchmal findet man etwas einfach gut, und es dauert lange bis man auf den Kern dessen kommt, was die Musik ausmacht. Es lohnt sich aber immer, diesen Kern zu suchen. Unwichtig ist vielleicht, ob man letztendlich vollständig fündig wird, denn wenn man es nicht wird, das Geheimnis also nie ganz gelüftet wird, kann die Musik immer wieder neu überdacht werden. Was mich an „Thought For Food“ erstmal beeindruckte, war, wie die Books hier ganz selbstsverständlich Elektronik und Akustik, Stimmensamples, aus dem Zusammenhang gerissen und aus unterschiedlichen Geschichtsbezügen geschnitten (die oft mit Musik nichts zu tun haben), zusammenbringen und zu unvorhersehbaren, kurzweiligen Strängen verknüpften. Das war pure, intelligente Unterhaltung! Ein Pool von Ideen, sekundenlang vielleicht nur, nach undurchsichtigen Regeln wiederholt und nicht wiederholt, aneinandergereiht, dicht ineinander verkeilt. Dann wieder liegen die akustischen Gegenstände in der Gegend herum wie Flugblätter auf dem Parkplatz eines aufgegebenen Industriestandorts. Das durfte mich erstmal eine Weile recht unreflektiert begeistern. Mir schien das damals, als Elektronik immer mehr in den Labtop verschwand und die Produzenten dahinter zu Salzsäulen erstarrten, sehr erfrischend: Zwei Typen, der New Yorker Nick Zammuto und der Niederländer Paul De Jong, an Elektronik und akustischem Trackbau gleichermaßen interessiert, treffen sich und tauschen ihre gesammelten Akustiken aus, verschränken sie zu einem sperrigen, mit Humor und Aleatorik versetzten Haufen, und – das kapierte ich erst später so richtig – orientieren sich an Orten, wo der experimentelle Akustikverroher John Fahey seine Gitarrensaiten besonders hart und akzentuiert anschlägt (während im Hintergrund eine Brücke klopfend und pfeifend Geräusche macht), im Halbschlaf immer die „Anthology Of American Folk Music“ in den Beinen und den Mikrotonaler Harry Partch im Kopf. Dann war da noch was, was mir auffiel: Jedes noch so kleine Geräusch, ein Schnarren hier, eine angeschlagene Saite dort, eine Stecknadel da – alles war deutlich zu vernehmen, nichts wurde in den Hintergrund gedrängt. Die kleinen Geräusche dürfen sich behaupten inmitten der lauten Geräusche. Die Kleinen finden buchstäblich Gehör im Konzert der Großen. Mir schien das auch eine politische Aussage zu sein, eine Gleichberechtigung aller Töne, eine sehr soziale, respektvolle Art, allen Tönen die gleich wichtige Bedeutung einzuräumen. Das fand ich großartig (und finde es immer noch). Ein wenig vergleichbar ist das mit dem Effekt, den man hören kann, wenn man von Alben eine noch nicht gemasterte Version hört. Die Töne sind auch dort noch nicht zur Gänze in Hierarchien und Rangordnungen gezwungen, sie stehen alle auf gleicher Ebene, wirken dadurch offensiver, kantiger, weil jeder Ton seinen Charakter behalten darf. Der Sound wird von jedem inidividuellem Ton gleichermaßen getragen, ohne sich in ein aufoktroiertes Gesamtkonzept zu unterwerfen. Ich habe bisher nur ein paar wenige Alben in ihrer noch nicht gemasterten Version mit dem gemasterten Endprodukt vergleichen können. Mir haben sie immer besser gefallen als das offizielle Ergebnis.

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