28/10/2020

THE GHOST THE HOST THE MOST HOLY-O – Geräusche zu Pfingsten

Geräusche zu Pfingsten?

Geräusche passen gut zu Pfingsten. Das Pfingstfest feiert den Heiligen Geist, also einen Blitz, der in Körper und Geist fährt, ihn entflammt und beGEISTert. Daher feiert Ahrensfeld ebenfalls etwas, das in den Körper fährt, ihn entflammt und beGEISTert. Geräusche nämlich. Nennt man manchmal auch „Musik“. Und da der Heilige Geist und Musik anscheinend Kumpel im äh Geiste sind, weil sie ähnliches anrichten können, hier meine Topliste an Pfingstmusik. Über alle Religionen und Blasphemien hinweg, vereinend und trennend, atheistisch und fanatisch, surrealistisch und mysthisch, geplant und zufällig. In Wallung und total verkopft, stocksteif in Ekstase. Bumm! Bumm! Bumm! Stillstand! So sieht’s aus.

Judee Sill: Same (1971)


Singer-Songwriterin mit sanfter Stimme, Folk-Gospel, im Dunkeln verankert, mit Streichern und unwiderstehlichen Songs. Christliche Motive durchtränken die Lyrics. Es geht ums Sehnen und ums Suchen. Auf der Suche nach Sinn fand sie auch zum Heroin. Dem Musikjournalismus wird ja oft vorgeworfen, er würde hemmungelos übertreiben und alles zum Ultimativen hochschreiben. Daher halte ich mich mit meinem Urteil zurück und bleibe sachlich: Judee Sill schrieb die schönsten Melodien des Universums. Am 23. November 1979 starb Judee Sill 35jährig an einer Drogenüberdosis. Einen Tag nach Thanksgiving. Nahm sie sich das Leben nach jahrelangem Rückenleiden und nach nicht mehr wirkenden Schmerzmitteln? Neben der Leiche fand man frische Aufzeichnungen über eine Missbrauchsgeschichte. Möglicherweise waren es Skizzen für eine Songgeschichte. Möglicherweise war es von ihr erlebte Wirklichkeit. Möglicherweise tat ihr das Leben insgesamt zu weh.
Holy-Ghost-Faktor: 8 von 9 Kosmen.

Daniel Higgs: Metempsychotic Melodies (2007)


In den geheimnisvollen, breitflächig tätowierten Maler, Musiker und Lyriker Daniel Higgs ist der Heilige Geist mit solcher Wucht eingefahren, dass sich Higgs vor lauter bibelpathetischen und surrealen Visionen nicht mehr zu retten vermag. Dazu spielt er Musik und Krach auf dem Banjo, der Maultrommel und anderen Instrumenten, die er durch Verzerrer anraut oder die er draußen unter dem Himmel von Vogelgezwitscher begleiten lässt. Higgs singt „wie ein Prediger nach Kabelbrand seine auf Bibel-Ikonografie und -mystizismus basierende Apokalypsen-Lyrik über Liebe, Körper, Transzendenz und Kosmos“ las ich irgendwo. Ich glaube sogar, ich habe es selbst geschrieben.
Holy-Ghost-Faktor: ∞

Kammerflimmer Kollektief: Cicadidae (2003)


Ein taumelnder Ritt durch Musik eines Kollektivs, das Jazz-Improvisationen spielt, aufnimmt, auseinanderreißt und in Zeitlupe nach kosmischen Gesichtspunkten in Heimarbeit wieder zusammenlötet. Idealer Begleiter in 30 Grad heißen Nächten, wenn der Körper und das Denken ganz weich sind und kaum noch Widerstand bieten für geisterhafte Erscheinungen. Spielt es toter Materie nur oft genug vor, dann wird sie schon lebendig werden.
Holy-Ghost-Faktor: 1000 verschwitzte nackte Körper, an denen 1000 verschwitzte Laken kleben.

Brethren Of The Free Spirit: The Wolf Also Shall Dwell with the Lamp (2008)


Nach gewöhnlich gut informierten Kreisen sind die wenigen Infos auf der CD vom Heiligen Geist höchstselbst in die Typographie diktiert worden. Und wenn sich jemand fragen sollte, was „in die Typographie diktiert“ bedeutet, dann kann ich das auch nicht beantworten. Das kann nur der VErantwortliche selbst, und der schweigt seit ein paar Äonen beharrlich. Aber mach dir selbst einen Reim daraus: James Blackshaw spielt eine „12 string Guild Guitar“, er spielt im Todes-Tuning „DADEAD“, Jozef Van Wissem zupft eine „13 course Barock“ Laute. Aufgenommen haben sie „in the Year of Our Lord 2008“, ihren Namen Brethren Of The Free Spirit haben sie einem obskuren Kult religiöser Herätiker aus dem 13. Jahrhundert entnommen. Die Musik: Sich nach nicht durchschaubaren Mustern wiederholende und verschiebende Motive, mesmerisierend und erhebend zugleich. So modern wie uralt. James Blackshaw ist einer der besten zeitgenössischen Gitarristen, die ich kenne. Ich finde ihn nicht eine Millisekunde langweilig und kann guten Gewissens ALLES von ihm empfehlen, obwohl ich gar nicht alles kenne. So einen Vertrauensvorschuss genießt bei mir noch nicht mal der Heilige Geist.
Holy-Ghost-Faktor: 300 Midasberührungen.

James Brown: Give It Up Or Turnit A Loose (von „Sex Machine“, 1970)


Falls der Holy Ghost irgendein Instrument spielen sollte, dann wäre es ein elektrischer Bass. Kein Instrument fährt so gewaltig und doch so geschmeidig in den Körper und die Seele ein. Und elektrischen Strom erzeugt der Heilige Geist doch mit Links! Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass uns der Bass des Heiligen Geistes so physisch durchwalkt wie es Bootsy Collins auf „ Give It Up Or Turnit A Loose“ vormacht (oder nachmacht, denn vielleicht hat er ja vorher Bekanntschaft gemacht mit dem Holy-O und spielt deswegen so beseelt?).
Holy-Ghost-Faktor: 643 Phantasien über Körperbewegungen beim Sex.

The Fall: Bury Pts. 1 & 3 (von „Our Future Your Clutter“, 2010)


Mark E. Smith addiert eine weitere Inkarnation seiner Band zu den unendlichen Band-Line-Ups, die in der Summe immer alle so klingen, wie The Fall eben klingen, seit ein entfernter Vorfahre es für eine gute Idee hielt, eine Beutetiersehne zwischen zwei Felsbrocken zu klemmen und erstmals den URAKKORD anzustimmen. So klingen The Fall seit Jahrzehnten, aber so gut haben sie lange nicht geklungen. Bury beginnt im sorgfältigst gewählten, mumpfigsten Mieser-als-eine-Demoaufnahme-Demosound, der Beat klopft stoisch, zwei Akkorde knallen rein, wieder raus, wieder rein, Mark E. lässt seine Lyrikskizzen in den Krach hineinplatzen. Der Sound wird in zwei Schritten klarer, die Band spielt weiter, Mark. E. sprechsingt in unregelmäßigen Abständen in seiner Piratensendernachrichtensprecherstimme – Wir-sind-The-Fall-ihr-bekommt-The-Fall – und du nimmst es oder stirbst. Und so ist der Heilige Geist eben auch: Er fährt auf dich zu und durch dich durch. Ob dabei in dir was hängen bleibt, ist nicht sein Problem. Mach was draus.
Holy-Ghost-Faktor: 60 Millionen Fall-Platten in 6 min 38 sec.

Songbeispiele über youtube, vimeo, myspace, last.fm etc.

6 Gedanken zu “THE GHOST THE HOST THE MOST HOLY-O – Geräusche zu Pfingsten

  1. jawohl, james blackshaw ist ein gitarrengott, oder so. ich kenne alles von ihm und kann die uneingeschränkte empfehlung nur untermauern. danke für diesen schönen, guten blog, denn ich zu zeiten immer wieder mal gerne aufrufe. viele grüße, andreas

    p.s. der rest der empfehlungen ist natürlich auch nicht schlecht und judee sill sollte ich auch mal wieder hören. nur die neue fall platte gefällt mir eigentlich gar nicht. aber das macht nichts, denn schließlich gefallen mir ja mehr als ein dutzend anderer fall platten. ach und bei dem eintrag über blind idiot god weiter unten fällt mir gerade ein, dass demnächst saccharine trust und universal congress of nach deutschland kommen. frage wäre nur, muss ich da jetzt hin oder nicht?

  2. es muss natürlich heißen …den ich zu zeiten… und nicht …denn ich zu zeiten…

    warum muss auch immer alles so schnell gehen?

  3. hallo andreas, danke für deinen kommentar! man muss wirklich nicht jede fall-platte gut finden. welche fall-platten man mag und welche nicht, hat wahrscheinlich viel weniger mit den fall-platten selbst, dafür aber viel mehr mit einem selbst zu. binsenweisheit. saccharine trust und universal congress of könnten interessant sein. wie hieß noch die nachfolgeband, die auf hazelwood veröffentlichte? ich sah sie jedenfalls mal live und parallel zum konzert ließ die band chicken wings grillen und nach dem konzert verköstigen. lecker. war auch ohne die chicken wings ein schönes konzert. jetzt fällt mir der name wieder ein: kool ade acid test. ich habe mal für joe baiza geld gespendet, weil er einen unfall hatte.

  4. apropos konzert: das kammerflimmer kollektief spielt morgen abend in den sophiensaelen in berlin. für berlin ansässige eigentlich ein klarer fall: hingehen.
    wäre ich nur nicht vom gestrigen motorpsycho konzert so müde (und von pfingsten, aber das ist eine andere geschichte). aber wenn es chicken wings geben sollte…. geniale idee, das.

    gruß, andreas

    p.s.: ich stelle mir vor, dass es sehr betrübend ist, nicht immer einen kommentar -sprich reaktion- zu bekommen. ich stelle mir aber auch vor, dass es nervig sein kann immer wieder -so wie jetzt von mir (und das nur wegen james blackshaw und weil ich alles was irgendwie nach john fahey klingt, so liebe. btw: ich habe auch gestern steve gunn registriert)- auf kommentare reagieren zu ''müssen''. neugeierig wie ich bin: wie ist denn das diesbezügliche befinden eines blog-betreibers?

  5. das diesbezügliche befinden des blog-betreibers ist folgendermaßen: ich danke dir fürs feedback und ich freue mich über jeden der seltenen kommentare. du nervst also ganz und gar nicht. im gegenteil.
    zu steve gunn: dessen "boerum palace" lief bei mir im märz und april auf dauerrotation. eine jener platten, die schnell ein verlässlicher freund geworden sind. danach verfiel ich dem "honest strings"-tribut für jack rose, zu dem ja gunn ebenfalls einen beitrag beigesteuert hat. höre ich immer noch täglich rein. über beide dinge werde ich hier sicher noch ausführlicher schreiben.
    viele grüße,
    ahrensfeld

  6. …diese 6 1/2 stunden ''honest strings'' können aber auch ganz schön anstrengend sein (besonders hinten raus, wenn die halbstündigen beiträge kommen. auf der anderen seite sind es aber auch genau diese stücke, die irgendwie und sozusagen am spannendsten sind). über den beitrag freue ich mich aber jetzt schon.
    erst mal gute nacht, andreas

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