26/10/2020

The Modern Lovers: Spielen vor der Zeit


The Modern Lovers

1973 (veröffentlicht 1976)

Ich sah Jonathan Richman 1984 in Bremen. Er spielte in VW-Bus-Dreierbesetzung, nur mit Standschlagzeug, Bass und seiner Gitarre begleitet. Zehn Minuten vor dem Konzert stand der Großteil des Publikums noch im Foyer der “Schauburg”, als drinnen plötzlich der Anfang von „Egyptian Reggae“ erklang. Die Band fing schon Minuten vor offiziellem Konzertbeginn zu spielen an! Sowas hatte ich noch nie erlebt! Verwirrt strömte die Menge in den Konzertsaal.
Es gibt einen Song von Jonathan Richman, der davon handelt, wie er mit einer Freundin bis in die Nacht hinein diskutiert, und sie lieber rechtzeitig gehen will, weil sie sich darum sorgt, die Nachbarn könnten ihre Anwesenheit sonst missverstehen und Jonathans Frau einen falschen Eindruck vermitteln. Und Jonathan antwortet ihr: „Well my wife knows me by now/So there’s no need to let the neighbors run my life/ No, no need to let the neighbors run my life, no no.“ Nach dem Konzert in der “Schauburg” gingen Kai und ich zum Bühnenrand, wo wir Jonathan Richman zu fassen bekamen. Kai fragte ihn, wie es mit den Nachbarn läuft. Richman bedeutete uns, dass er nach dem Konzert seine Stimme schonen müsse und daher nicht sprechen könne. Stattdessen holte er einen Schreibblock hervor und schrieb etwas darauf. Er schrieb und schrieb, so ungefähr drei Seiten voll. Dann schrieb er etwas auf die vierte Seite, riss sie heraus und gab sie uns, wobei er sich freundlich von uns verabschiedete. Auf dem Zettel stand nur: „We’re moved“ – Wir sind umgezogen.

So sehr ich die Velvet Underground auch schätze, so ziehe ich viele ihrer offensichtlichen Epigonen doch meist vor. Dazu gehören Spacemen 3 („The Perfect Prescription“) genauso wie The Clean („Compilation“). Aber die Größten sind die frühen Modern Lovers. Meine liebste Platte von Jonathan Richman ist daher die erste Modern Lovers von 1973. Nenne sie Prä-Punk oder Post-VU, egal, sie steht eben in der Mitte dieser beiden ganz ähnlich britzelnden Energien. Daran ist sicher auch John Cale nicht ganz unschuldig, der zwei Drittel des Albums produziert und den Sound in seiner typischen Weise trocken und gefahrvoll zusammengeschweißt hat.
Das treibende „Roadrunner“ enthält vielleicht den besten rauen Orgelsound, den ich kenne (oder doch eher die Orgel auf “Modern World”? Oder auf “She Cracked”? Egal, sind ja alle auf dieser Platte drauf!). Und das langsame „Hospital“ erschüttert mich jedes mal immer wieder mit seiner Anfangszeile: „When you get out of the Hospital/ Let me back into your life“. „Pablo Picasso“ ist ein schönes Beispiel für Richmans Humor („Some people try to pick up girls/ And get called an asshole/ This never happened to Pablo Picasso/ He could walk down your street/ And girls could not resist to stare/ And so Pablo Picasso was never called an asshole/ Not like you“), und dabei doch grimmig und mit velvetesten Gitarren geschnitten. “She Cracked” ist US-Punk in Reinkultur, trotz der scharfkantigen Orgel, die im Hintergrund sägt. Ein Ewigkeitssong, vielleicht der erste Anti-Drogen-Punk (“Well she cracked, I won’t/ She did things that I don’t/ She’d eat garbage, eat shit, get stoned/ I stay alone, eat health food at home”). Undsoweiterundsofort. Zu jedem Song könnte ich Hymnen dichten, könnte ich Hymnen dichten.

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