THE ROLLING STONES some girls – Lebenssituationsreflexionen

THE ROLLING STONES some girls (1978)
Track-By-Track

Miss You 
Die nächtlichen Ausflüge in Pariser Clubs konfrontierten Mick Jagger und Charlie Watts aufs Unterhaltsamste mit Disco. Das erwähne ich immer gerne, weil viele Stones-Hörer den steinzeitlichen Gegensatz Rock vs. Disco aufmachen – und die Band selbstverständlich auf der “Rock”-Seite wähnen. Dabei war Jagger schon lange vorher ein begeisterter Clubgänger und Clubmusik-Hörer, von seiner Motown-Vorliebe und James-Brown-Bewunderung mal ganz abgesehen. Hör dir ein beliebiges Disco-Set von Larry Levan aus der Paradise Garage in NYC um Ende der 1970er an und du kannst ziemlich sicher sein, einen Track zu erwischen, zu dem Jagger schon getanzt hat. Auf der Maxi-Single-Version von „Miss You“ ist übrigens das vielleicht vollkommenste Stück Musik zu finden, das die Stones je veröffentlicht haben, nämlich die kurze Minute zwischen 3:10 und 4:10, wenn nach einem flehenden Ruf Jaggers – Come home! Come home!! – plötzlich alles runtergefahren wird, nur die Bass-Drum und ein E-Piano spielt, der Bass setzt ein, dann: „I’ve been walking Central Park, singing after dark, people think I’m crazy …“, eine sehr dezente Gitarre im Hintergrund, sonst passiert nichts weiter. Eine reine und klare Minute vollkommener Musik – nicht vollkommener Stones-Musik, sondern vollkommener, irgendwie kontextbefreiter Musik, falls sowas überhaupt möglich ist. Die Version auf „Some Girls“ ist aber auch großartig, sie fängt diesen Augenblick nur nicht ganz so rein ein.

Suchend nach der Einen ziehen die Stones jedenfalls ihre Disco-Bahn (die allerdings erst durch Hochpitchen wirklich tanztauglich wird, wie meine Erfahrung sagt), geben einer sehnsüchtigen Mundharmonika viel Raum und Bill Wyman die Chance, mit pumpender Bass-Linie zu glänzen. Nur Banausen verunglimpfen den Disco-Bass als reine Modeerscheinung. Watts schlägt ein großartiges, präzises Schlagzeug, und Saxofon spielt Mel Collins, der ja immerhin mal bei King Crimson mitgewirkt hat.
*****

When The Whip Comes Down 
Wer überall unerwünscht ist, der fühlt sich getrieben und gehetzt. Auf „Whip“ ist der Kerncharakter des Albums erstmals voll ausgebildet: Elektrische Gitarren bilden ein mehr oder weniger dichtes sonisches Knäuel, aus dem immer wieder scharfe, widerborstige Kanten hervorbrechen. Ihr grimmiges Geknurre verhindert das Ausstellen und Feiern von individuellen „Riffs“ schon im Ansatz. Winz-Solos sind als solche kaum zu erkennen, weil der Rest um sie herum sich weigert, leiser zu werden. Jagger muss sich behaupten in diesem kratzigen Lärm. Immer wieder rempelt ihn der Sound an, holt ihn zurück in das Knäuel. Auf „Some Girls“ (dem Album) schließt Charlie Watts mit dem anderen großen Minimalisten unter den Rock-Drummern auf, mit Ringo Starr. Er mutiert einen Disco-Handclap-Sound in etwas bedrohlich Knallendes, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte. Ein steter, lauter Schlag auf den Punkt, kein überflüssiger Schnickschnack, die Breaks sind kurz und gewaltig. Watts findet seinen idealen Drum-Sound. Und macht plötzlich all die technisch brillanten Drummer, die ihm seit „Beggars Banquet“ die Arbeit an anspruchsvollen Parts abgenommen haben, überflüssig. Kein Jimmy Miller hätte ihn auf „Some Girls“ ersetzen können, jeder verspielte Schlenker hätte eine Minderung der Wucht bedeutet.

Ich würde jedenfalls keine Sekunde von „When The Whip Comes Down“ gegen die Honky Tonk Women oder Brown Sugars oder Start Me Ups der Welt tauschen wollen.

Würde man mich zwingen, die Nr. 1 unter den Stones-Songs nennen zu müssen, ich würde „When The Whip Comes Down“ wählen. Würde man mich zwingen, die Nr. 1 unter den Gitarren-Soli der Stones zu nennen, ich würde vielleicht das Solo ab Minute 2:31 nennen: Ein kurzes, nervöses, helles Flackern, das weiß, es wird nicht viel Zeit zur Entfaltung bekommen, weil es viele Gegner haben wird. Deswegen muss es alles in den richtigen Augenblick legen. Wer aufmerksam hinhört, kann merken, wie das Solo schon ab Minute 2:19 darauf lauert, in eine kleine Lücke zu stoßen. Dann schließlich ab 2:31 ist es soweit, es bekommt kurz sonische Überhand, wird vom überraschten Restsound des Knäuels erst toleriert, dann angegangen. Watts versucht, es mit einer Drumsalve zum Schweigen zu bringen. Schließlich gelingt es und in 2:55 kommen Lärm und Jagger wieder nach vorne ins Geschehen. Zum Ende hin geben alle nochmal alles, Watts peitscht die Drums auf jeder Viertelnote, der Lärm übernimmt endgültig das Geschehen. Man hört den Song in der Ferne eskalieren, als er mit einem letzten „When the whip comes down …“ ausser Hörweite gerät.

So, ist der Kern von „Some Girls“ damit erst einmal beschrieben – das sonische Knäuel, die Drums – kann man den Rest der Platte etwas kürzer abhandeln, denn das Knäuel wird dort mehr oder weniger variiert, ist mal transparenter, mal opaker, mal lauter, mal leiser, außer bei „Far Away Eyes“ aber immer präsent.
*****

 Just My Imagination (Running Away With You)
Ein Song übers Flüchten, diesmal aus dem Alltag in die fantasierte Liebe. Auch diesem an sich eleganten Motown-Hit wird die spezielle raue „Some Girls“-Behandlung angedient.
****1/2 


Some Girls
Text ist auf der Suche nach Ärger. Es fällt jedoch schwer, ihn nicht ironisch zu verstehen, soviele Stereotypen wie dort untergebracht sind. Jagger sieht sich von seinem Image als schwerreicher Sexprotz verfolgt und ausgenutzt und schlägt genervt zurück. Musikalisch überzeugen viele gute kleine Stellen: Die Mundharmonika von Sugar Blue wieder mit ihrem eigenartigen Flow, der Groll der Gitarren, Wymans Synthesizer, der überzeugend das zerrissene Gitarrenkonglomerat verdichtet, ohne es zu versüßen. Zählt man alle Gitarren zusammen, kommt man auf fünf Stück, die sich verzahnen, verkannten und abstoßen. Erstaunlicherweise sind auch zwei Akustik-Gitarren darunter, die ich noch nie herausgehört habe.
****1/2

Lies 
Fast das ganze Album – mit seinem gedrängten, manchmal abweisenden Lärm – kann gut als Reaktion auf Punk verstanden werden. Gar nicht mal eine Reaktion dagegen, sondern eher ein Aufnehmen und Nutzen seiner Energie. „Lies“ ist das offensichtlichste Punk-Gerumpel auf „Some Girls“. Ein Song zu Demonstrationszwecken also, damit es auch der Letzte kapiert. Mission gelungen, aber anderes entfaltet auf dem Album doch noch eine größere Wucht.
***1/2

Seite 2

Far Away Eyes
Die Stones machten sich einen Spaß daraus, einen radiotauglichen Country-Song im klassischen Bakersfield-Sound in allen gemächlich trottenden und wimmernden Einzelheiten nachzubauen. Besonders hervorheben möchte ich Ron Wood, der eine ganz wunderbare Pedal Steel-Darbietung hinlegt – knapp und aufs Wesentliche reduziert bei gleichzeitig lustvollem Antriggern sentimentaler Country-Klischees. Ich habe mir sagen lassen, dass eine Pedal Steel ultraschwierig zu kontrollieren ist, weil sich mit jeder Betätigung eines Pedals die Harmonien auf den Saiten komplett ändern, oder so (vielleicht kann ein mitlesender Pedal-Steel-Spieler dazu was sagen). Aber auch die Rest-Stones spielen wundervoll glatt und ironisch ungebrochen. Für den doppelten Boden ist dann Jagger zuständig, der die gottesfürchtige und süße Trucker-Ballade gekonnt mit dezentem Heißkartoffel-Akzent zum Besten gibt. Respekt auch für die lustige Idee, ausgerechnet „Far Away Eyes“ auf den Sahne-Platz einer LP zu setzen, nämlich zweite Seite erstes Stück. Mich würde interessieren, wie sich der Song in den Country-Charts gemacht hätte. Zusammen mit „You Win Again“ als B-Seite hätte es eine großartige Single abgegeben. Aber Jagger mag sich selbst als Country-Sänger ja leider nicht sonderlich. Und jetzt ist es sowieso zu spät.
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Respectable
Ähnlich gut und lärmig wie “Whip”. Auch hier kann mit der Wucht der ineinander rauschenden Gitarren nichts vom Schlage „Brown Sugar“ oder gar „Hand Of Fate“ mithalten. Watts schlägt mit Macht ein Irrsinnstempo an, seine kurzen Breaks kommen trotzdem auf den Punkt. Allein wenn man nur auf die Drums achtet, ist es ein Genuss, dem Song zu folgen, während einem links und rechts der fauchige Lärm um die Ohren fliegt. Im Mittelteil schält sich ein großartiger kleiner Instrumentalpart aus dem Knäuel, der durch ein tolles treibendes Bassmotiv geerdet wird. Jagger muss sich energisch Gehör verschaffen, will er nicht untergehen im wieder bestechend gut organisierten Krach, der gerne auch mal wehtun möchte, wenn ein Feedbackfiepen laut ausgekostet wird. Der Text scheint unter anderem aus Scheidungswunden gespeist. Der bittere Ton, mit dem hier das opportunistische Ankommen im Establishment gesungen wird, scheint mir aber durchaus auch auf den Sänger zurückzuschallen. Der hat ja selbst seine Verbindungen zu allerlei Adels- und Politikervolk – und sich dann später auch das „Sir“ nicht verbeten lassen.
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Before They Make Me Run 
Song eines Unerwünschten mit zeitlich beschränkter Aufenthaltsgenehmigung. Man merkt Richards die Spuren an, die ihn seine ständigen Auseinandersetzungen mit den Behörden, Gerichten und Fahndern kosteten. Und man merkt ihm auch an, wie satt er es hatte, dem ausgeliefert zu sein und den passiven Part dabei zu spielen: Nachdem alles gesagt und getan ist, lass uns gehen, bevor man uns wegjagt. Wieder ein Song aus der Perspektive eines Getriebenen. Richards legte den Kern von „Before They Make Me Run“ des Nächtens im kleinen Pariser Studio, als die anderen auf Clubtour waren. Allein mit seinen Entscheidungen und dem kreativen Lauf der Dinge. Nicht nur deswegen hat der Song große Ähnlichkeit mit „Happy“.
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Beast Of Burden 
Für mich verbindet „Before They Make Me Run“ und „Beasts Of Burden“ eine unsichtbare Kraft, als würden sie zwei Seiten derselben Medaille zeigen. Ist „Before They Make Me Run“ ein Song übers Unerwünschtsein und der Konsequenz, einem Rauswurf vorweg zu kommen, wird auf „Beasts Of Burden“ um Zuneigung oder mindestens schnelle, unkomplizierte Liebe gebeten, ja fast gebettelt, trotzdem oder gerade weil man nicht mehr in der Lage ist, viele Lasten zu schultern. Der Soul eines Aufgeriebenen, der sich nach ein bisschen Zuneigung sehnt. Dem inständigen Bitten wird jedoch über die Länge des Songs nicht nachgegeben, so wunderbar zart sich auch die Gitarren von Richards und Wood verschränken mögen, als würden sie den Eindruck erwecken wollen, die Last sei federleicht zu tragen. Besitzt Jagger vielleicht nicht mehr genug von den drei Kernfähigkeiten des Erfolgs in Liebe und Business in einer durchkapitalisierten Stadt wie New York – rough, tough, rich? Selbst für ein kleines bisschen problemfreie Liebe scheint es jedenfalls nicht mehr zu reichen.
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Shattered
Man kann „Some Girls“ auch als eine zusammenhängende Geschichte lesen, an dessen Ende schließlich ein nervliches Wrack steht. Aufgeputscht und zerrüttet im Hochgeschwindigkeitstakt von New York, in einer Welt der immer heißer laufenden Geldkreisläufe, wo man viel arbeiten und Geld verdienen muss, um es noch schneller verlieren zu können. Zerrieben zwischen Sex im Überfluss und dem Fehlen der Einen, die man wirklich vermisst und die manchmal sogar nur in der Fantasie existiert. Ein Leben nach harten Regeln in einer unsicheren Zwischenzone, geduldet aber nicht beheimatet, zwischen Party, Rausschmiss, freundlichen Lügen, Staatsempfängen, Scheidungsvereinbarungen, Paranoia und schwebenden Verfahren. Am Ende dann, auf „Shattered“, ekelt sich Jagger vor all dem oberflächlichen „chitter-chatter, chitter-chatter, chitter-chatter bout shmatter, shmatter, shmatter“, zwischen Ratten auf der Straße und Insekten im Bett. Jagger schnappt über, weil die Stadt überschnappt. „Work and work for love and sex/ Ain’t you hungry for success, Success, SUCcess, SUCCESS?”. Sein Gehirn ist zerschmettert und der Sapsch hat sich über ganz Manhattan verteilt.

Der Funk von “Shattered” ist grimmig und grollend. Er zieht missmutig und stoisch seine Bahn, als suche er Anschluss an ZE Records und Mutant Disco. Zur Mitte des Tracks hin erhebt sich eine krächzende Gitarre aus dem Grummeln, sie bekommt ihren Platz, wird aber, bevor sie wieder untergegrummelt wird, noch durch swingendes Händeklatschen verhöhnt. Irgendwann gesellt sich zum monotonen „shattered, shattered“ noch ein öliges „shooby shattered shooby shattered“, als würde sich alles zu einem bitteren Witz verdichten, den die Stones auf der Bühne einer verkitschten Broadway-Aufführung zum Besten geben. Am Ende dreht sich „shooby shattered/ shooby shattered/ shooby shattered/ shattered“ in eine bizarre Schleife, die Kerndaten des Funk-Gerüsts werden abgerufen, als wäre der Song nur noch durch einen Automatismus am Leben gehalten. Jagger singt und schreit drüber, schon jenseits jeglichen Urteilvermögens. Freunde kommen vorbei, sie schmeicheln, schmeicheln, schmeicheln, schmeicheln, schmeicheln, schmeicheln, schmeicheln. Jagger ist‘s mittlerweile egal, türmt den ganzen Schleim doch einfach so hoch es geht aufs Serviertablett auf! Bis Charlie Watts mit einem letzten Schlag den Spuk beendet.
***** 

Fazit:
Weder vorher noch nachher haben die Rolling Stones besseres abgeliefert. Ein konzentrierter Kern an Energie. Bei keiner mir bekannten Platte von ihnen habe ich das Gefühl, dass sie so direkt so viel von ihren Zweifeln, Genervtheiten und reklektierten Lebenssituationen preisgeben. Punk und (!) Disco haben ihnen dafür den sonischen Weg geebnet. Ein Weg, auf dem ihnen niemand gefolgt ist. Für mich ihr bestes Werk.
*****

Bewertung: 
gut *****
schlecht *

2 Kommentare

  1. nicht von ungefähr gab es auf Funkadelic’s “Uncle Jam Wants You” unter dem Thema “Some Pearls” eine Replik auf manche Aussagen dieses Albums: “So Forgit You”. Aber so unwesentlich das damals war, so uninteressant ist es heute, also, was soll’s

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