24/11/2020

TIM COHEN schichten ins ungefähre

THE TWO SIDES OF TIM COHEN2009

Solo-Alben. Sie werfen sich manchmal auf seltsame Weise auf sich selbst zurück. Im Sound und in den Arrangements wird es einsam und zugig. Im Multitrackverfahren vermengt der Soloist seine instrumentalen Fähigkeiten mit den Nichtfähigkeiten. Das Unfertige findet Einkehr, weil man nicht auf allen Instrumenten gut sein kann. Skip Spence (SF!), Ana Da Silva, PJ Harvey am Piano oder der Zither, und auch Tim Cohen.
Tim Cohen ist sonst Spieler und Sänger einer eher unscheinbaren, recht hibbeligen, neuerdings hochgelobten Neu-Sixties-Band aus San Francisco namens The Flash & Onlys. Im Solo-Werk gewinnt er eben jene Dimension hinzu, die schon andere auf sich zurück Geworfenen ausgezeichnet hat: Instrumentale und gesangliche Limitierungen werden nicht bereinigt, sondern als notwendige Bestandteile eingearbeitet. Das Tempo ist verhalten, keine Band im Rücken treibt voran. Das Tempo bestimmt man selbst, und dieser Umstand kann den einsamen Soloisten recht erschrocken zurücklassen, sodass der einsame Soloist das Tempo zurückfährt, unsicher vielleicht, ob man der Vielzahl an einsamen Entscheidungen gewachsen sein mag. Wen soll man auch fragen? Die Fragen eines Soloisten kommen als Hall zurück.
Ein bestimmter Hall scheint mir San-Francisco-typisch. Ich höre ihn auf Skip Spence’s „Oar“ von 1969, und ich höre ihn bei Tim Cohen. Ein signifizierender Hall, wenn man so will. Ein Sound, der Vakuen enthält, die sich nicht berühren. Sie grenzen nur aneinander. Wie sollen sie sich auch berühren, wenn sie zu verschiedenen Zeiten vom gleichen Menschen gespielt worden sind? Ihre Ebenen können nur nebeneinander existieren und sich nicht durchdringen. Und das ist ein großes Plus einsamer Entscheidungen einsamer Soloisten. Wenn’s gar nicht anders geht, holt man sich Mitspieler hinzu. Aber auch nur dann.
Tatsächlich erinnern mich die simplen Pianoteile in „Haunted Hymns“ und „Unjeweled Splender“ an PJ Harveys schutzlose Klavierfiguren auf „White Chalk“, nur dass statt des eisigen Windes, der auf den eisigen Hügeln von Harveys Heimatgegend zu wehen pflegt, bei Tim Cohen die kalifornische flirrende Hitze den Wahrnehmungsapparat Dinge hinzuaddieren lässt, die schwer von Fantasiegebilden zu unterscheiden sind. Wer das Schutzlose und Immaterielle freilegen will, der ballert seine Musik eben nicht mit Irrsinnsakkordfolgen und Lautstärken voll. Der schichtet, wenn überhaupt, die Klänge ins Ungefähre, in die Zwischenzustände, die nie ganz erfassbar sind. Gitarren werden zu dunstigen, diesigen Scheinfiguren, Songs zu Skizzen, zum „Take 1“, dem aber kein perfekter „Take 36“ mehr folgt. Dass es bei Take 1 geblieben ist – ich bevorzuge ihn oft, denn den Rest addiere ich einfach selbst dazu, wenn die Substanz die eigene Gedankenleistung zu tragen imstande ist. Hier auf „The Two Sides of Tim Cohen“ trägt sie.
Mit religiösem Glauben scheinen Cohens Innenwelten auch was am Laufen zu haben. Ob die Waage eher in Richtung Zweifel ausschlägt oder in die Hingabe, lässt sich nicht immer so genau ausloten. Aber dass Tim Cohen auf „Two Sides …“ innere Kämpfe mindestens höflich ausgeficht, scheint in allen Übergangszonen, in denen Text und Musik nur als vages Gefühl wahrgenommen wird, ziemlich surreal durch. „We’re living up in the shadow of the hall of justice/ We’re living up in the shadow of the house of spirits/ They rise above the hill like a big tidal wave is falling/ They are made of photographic flashes in a magic frame/ We’re living up in the shadow of the house of games/ We never go in/ We never go in“. Leben im undurchdringlichen Schatten. Vielleicht können Soloalben diese Schatten besser beschreiben als Gemeinschaftswerke, wo sich jeder durch die anderen, gleichberechtigt Mitwirkenden davon ablenken kann.



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