30/11/2020

TOM WAITS böse gut

Mehr Heulen von Tom Waits, der nach sieben Jahren und seiner (für mich) besten und schmutzigsten Platte – „Real Gone“ – nun wieder etwas weiter ausholt und auf Bad As Me für seine Verhältnisse ein wenig geschmeidiger seine Verlust- und Verlierer-Tableaus bereitet. Geschmeidiger, aber nicht gefälliger, denn auch hier wummert immer der Untergrund mit, legt sich eine dumpfe Schicht Lebenserfahrung auf die Songs wie ein Hörsturz. Neben ein bisschen Blech, seiner Frau und Co-Komponistin Kathleen Brennan, seinen langjährigen Bandgesellen wie Sohnemann und Drummer Casey Waits und dem wie immer stilsicher haarscharf neben der Spur spielenden Gitarristen Marc Ribot, ist ihm unter anderem auch Keith Richards unauffällig und mannschaftsdienlich beim Verdrecken der Akkorde behilflich.

Die bitter-melancholischeren Songs wie „Face To The Highway“ oder „Pay Me“ sind mit die besten, die Waits je zustande gebracht hat. Auch weil Waits hier seine Stimme einfach singen lässt, anstatt sie als Tom-Waits-Stimme auszustellen. Die rhythmischen, klopfenden Blues-A-Billy-Nummern wie „Raised Right Men“ oder das Titelstück wissen durch ihre belassene Primitivität zu begeistern. Ebenso das auf old-time gebürstete „Kiss Me“, wo Waits recht einsam im Treibsand alten Schellack-Rauschens versinkt.

Die zweite Albumhälfte scheint mir etwas abzufallen, aber das kann sich mit zunehmender Hördauer auch noch legen (ich gehöre ja immer noch zu den Irren, die Musik mehrmals hören). Das 16-seitige, LP-formatige Booklet der Vinyl-Version wartet übrigens mit sehr alters- und augenfreundlicher Großschrift auf. Dafür meinen herzlichen Dank. Eine CD-Version des Albums ist dem Vinyl beigefügt.

TOM WAITS bad as me
2011

3 Gedanken zu “TOM WAITS böse gut

  1. Hallo wahr,
    klingt mal wieder sehr interessant. Hatte Tom Waits nach der Raindogs aufgegeben, damals schien er an die Feuilletons und die Theaterszenen der Welt verloren gegangen zu sein. Halte allerdings seine frühen Sachen Closing Time, Blue Valentine und vor allem seine LiveDoppelLP Nighthawks at the Diner immer noch in Ehren. Wrd in jedm Fall mal reinhören.
    Ornette

  2. sehr schön, dass es tatsächlich noch so einen eifrigen "real gone" verehrer gibt. ich erkläre dieses fantastische teil nicht zum meinem liebsten waits werk, aber weit weg davon ist es nicht. mit dem neuen album tu ich mich noch schwer, es geht noch nicht wirklich flüssig ins ohr. aber auch hier wird eine platte mehrmals gehört. 😉

  3. danke euch beiden da oben für die kommentare. seit "alice", also seit 9 jahren hat mich tom waits wieder. nach swordfishtrombones hatte er mich bis dahin verloren (bzw. ich ihn). ich hatte auch so meine probleme mit dem theatergehuber, aber andererseits wenn man seine karriere betrachtet, spielte das theater schon seit den anfängen eine wesentliche rolle bei ihm. angefangen mit den auftritten auf den bühnen und in den kulissen zweifelhafter etablissements, der wartezeit in deren umkleidekabinen (siehe cover von "small chance") bis zur theateraufführung eines livekonzerts im studio mit bestelltem publikum ("nighthawks at the diner"). er sich nur später verstärkt in die bühnenkünstlichkeit so sehr reinstilisiert, dass ich nur noch jemanden wahrnahm, der so tat als wäre er tom waits. aber wie gesagt, seit "alice" ist für mich alles gut. wahrscheinlich war auch schon vorher irgendwann alles gut, aber ich habe seine sachen einfach nicht lückenlos verfolgt.

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