04/12/2020

Tuxedomoon: Innere Zersetzung



TUXEDOMOON – Half-Mute 1980

In einer Mitbewerbermusikzeitschrift schrieb ich einmal in einer Rezension zu „Cabin In The Sky“, einem neueren Tuxedomoon-Album, einen langen Satz, der unter anderem davon handelte, dass sich Tuxedomoons Hang zur ernsten Musik in ihrem Schaffen bis einschließlich „Half-Mute“ in einem faszinierend unschlüssigen Stadium befand, das so klang, als hätten sie im Studio alle Fehler gekünstelter Theatralik im Schnelldurchlauf vollzogen, dann wieder verworfen und versucht, sich von ihrem Einfluss zu befreien (statt wie in Wirklichkeit geschehen, erst so richtig in Theatralik und moderne Klassik einzutauchen, was ihren spätereren Platten leider nicht so gut bekam).

Und, ehrlich gesagt, schrieb ich das nur, um auch mal einen langen, altklugspexigen, irgendwie schlau aus der Wäsche guckenden Satz in einem Text unterzubringen, der das, was er behauptet, sofort wieder widerlegt. Denn so scheint mir manchmal das gesamte Handeln des Menschentiers angelegt, und so in der Folge natürlich auch seine Kunst und damit ebenso das Schreiben über Kunst. Den Witz hat aber damals wohl keiner verstanden. Lustigerweise bekam ich dann aber eine – ernstgemeinte – email-Antwort vom Labelpromoter, dem meine Rezension sehr gut gefiel und der mich unbedingt weiter mit allen Neuigkeiten und Interviewterminen der Musiker aus seinem Stall versorgen wollte (meist irgendwelche eher gemäßigten Jazzer, oder Soulsängerinnen im Bar-Jazz-Stil). Ich sagte nicht nein, habe mich dann aber nie wieder auf seine regelmäßigen Newsletter gemeldet. Ich mag den langen Satz aus der Rezension immer noch gerne lesen, mittlerweile glaube ich sogar, er könnte stimmen.

Es soll hier in diesem Text um die ersten Schritte von Industrieromantik in einer Zeit (1977-79) gehen, als immer mehr Musikprojekte bestrebt waren, diesem ganzen Rockmist und Gitarrenmist einen Schuss Realität und Nervigkeit entgegenzustellen. Auch Punk-Gitarrenkram musste damals überwunden werden, die Gitarre entweder mittels Elektronik völlig verworfen (This Heat, Residents, Wire im Ambient-Wahn) oder neu überdacht werden (Chrome, Dr. Mix & The Remix, Young Marble Giants, Wire im Sharpcut-Wahn) oder das eine musste das Filetiermesser des anderen sein (Pere Ubu).

Tuxedomoon, als Projekt von in San Franzisko Studierenden der elektronischen und klassischen (Violine, Saxophon) Musik setzen zu jener Zeit ebenfalls auf einen wachhaltenden Realitätsbezug, der in Form von im Hintergrund wirkender, anätzender Elektronik an der Substanz der Tracks nagt und sie korridiert. Schönspielerei wird auf „Half-Mute“ nicht betrieben. Violine und Saxophon spielen meist gerade so lange eine Melodie, bis sie zu einem genau tarierten Augenblick abbrechen, einen sekundenkurzen Sturz ins Atonale erleben, aus dem sie sich dann wieder notdürftig fangen, um das Spiel an schwer berechenbaren Stellen wieder abzubrechen. Und wenn sie doch mal einen längeren, melodietragenden Part einnehmen, dann wird dieser gleich wieder durch Störungen unterminiert. Zu keinem Augenblick lässt „Half-Mute“ erahnen, welche musikalischen Verbrechen im Folgejahrzehnt am Saxophon begangen werden sollten.
Natürlich ist ihrer Kunst Theatralik nicht fremd, aber sie findet noch auf den Straßen statt (über deren Straßenlärm auch mal ein Hubschrauber rotiert). Blaine L. Reiningers überspannter, leicht paranoider Gesang handelt von 59 Sekunden einer jeden Minute, die gegen dich sind, gegen dich und gegen mich. Wir haben also etwas gemeinsam, du und ich. Wir haben einen gemeinsamen Gegner, gegen den wir uns gemeinam in Bewegung setzen können. Tatsächlich wurde „59 to 1“ folgerichtig ein kleiner Wave-Disco-Tanzflur-Hit. Auch sonst ist hier Dank der prägnanten und trockenen Bassarbeit und dem Einsatz einer kühl klopfenden Beatbox in vielen Tracks ein stabiles Fundament gelegt. Etwas, das ich bei einigen drögen Labtop-Exegeten der neueren Zeit doch etwas vermisse.
Die (geschwindigkeitsmanipulierten) Glocken auf „James Whale“ beziehen sich eindeutig auf klassische Gruselfilme der dreissiger und vierziger Jahre. Unterfüttert werden sie mit seltsam künstlichen Galoppgeräuschen und einem Rauschen ganz ähnlich dem, das alten Filmen aus der ersten Hälfte des vergangen Jahrhunderts zugrundeliegt. Ein Synthesizer zieht den Track in die Gegenwart: Er verteilt unheimliche Schlieren, die gut zu einer modernen Menschwerdung künstlicher Wesen gepasst hätten. James Whale, der Namensgeber des Tracks, war einer der fähigsten, virtuos mit stimmungsvollem Licht und vielschichtigen Charakteren arbeitenden Regisseure jener Zeit („Frankenstein“, „Der unsichtbare Mann“), als Gruselfilme einem noch nicht den Magen umdrehen wollten, sondern dem Zuschauer nur das Streichholz hinhielten, damit der die Lunte im Kopf selbst entzünden konnte (das Löschwasser bildete dann der kalte Schweiß).
Tuxedomoon waren also eine Vorstufe derjenigen Romantik, die sich dann leider zu Goth-Romantik entwickeln sollte. Auch Tuxedomoon selbst waren nach „Half-Mute“ in diese Richtung abgedriftet, ja, schlimmer noch, sie zogen nach Brüssel und lenkten ihre Musik zudem in Richtung europäischer Harmoniekultur. Ihre Elektronik setzte keine Gegengewichte mehr, die Tracks wurden nicht mehr von innen zersetzt. Aber in ihren Arbeiten bis einschließlich „Half-Mute“ hatten sie ihre Kunst in vollkommener, unberechenbarer Balance aus Realitätssinn und manisch-kühler Leidenschaft. Ich kenne aus jener Phase nicht jedes Fitzelchen, das sie produziert haben, aber das was ich davon kenne, ist ausnahmslos von Midas berührt. Ich verlor, wie so oft, mit der zweiten LP das Interesse.

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