24/11/2020

Vom wahren Wert oder Warenwert des Punk

Dass
irgendwann alles, was mal sperrig und widerständig war, vom
Mainstream geschluckt, durchgekaut, gründlich verwertet und wieder
ausgespuckt wird, ist nichts Neues. Rock ´n ´ Roll gibt es heute
als Freizeitsport an der Volkshochschule, Hippie-Schick kann man im
Kaufhaus von der Stange erwerben, und in bunten Magazinen wird über
den passenden Style zum Opern-Air-Festival referiert. Underground –
war da mal was? 
In Englands Hauptstadt wird zurzeit das Jahr 2016 als
ein besonderes „Event“ begangen, das sich unerschrocken „Punk
London“ nennt. Daran beteiligt sind u.a. das Museum of London, aber
auch viele andere Unterstützer wie der Bürgermeister der Stadt.
Untertitel: „40 Jahre subversiver Kultur“. Ein Jahr der „Events,
Talks, Filme, Ausstellungen und mehr…“. Da bleibt kein Auge
trocken. Auf der Homepage sieht man einen alternder Irokesen-Träger,
der es in Schlips und Kragen scheinbar zum Ordner bei den
Festivitäten gebracht hat. So hat zumindest ein Veteran noch etwas
von der Sause. 
Natürlich ist es wünschenswert, dass auch die
Popkultur reflektiert und gefeiert wird. Ein komischer Nachgeschmack
bleibt trotzdem, wenn sich plötzlich alle in den Armen liegen. Und
so kann man es durchaus verstehen, dass sich Joe Corré kritisch zu
dem Feierjahr äußerst. Hat er doch als Punk-Kind seiner Eltern, der
Modeschöpferin Vivienne Westwood und des Musikmanagers Malcolm
McLaren, einiges erlebt und einstecken müssen. Dass der Punk
heutzutage von der Gesellschaft gefeiert wird, die seine
Protagonisten früher gejagt hat, wie er sagt, macht ihn sauer. Im
Magazin der Süddeutschen Zeitung, und nicht nur da, kündigte er an,
am 26. November seine Sammlung aus Punk-Devotionalien zu verbrennen.
Testpressungen von Platten, Kleidungsstücke, Grafiken – alles ab
ins Feuer. Ein Wert von fünf Millionen Pfund. Ein Aufschrei folgte.
Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, von dem eine olle Hose im
Portfolio sein soll, war not amused.
Joe Corré, eigentlich Joseph
Ferdinand Corre, ist selbst Modeschöpfer und hat das

Unterwäsche-Lable Agent Provocateur gegründet. Mit seiner Aktion will er den Blick
auf den wahren Wert der Dinge lenken – oder auch auf den Warenwert.
Denn, dass der Aufschrei angesichts seiner Verbrennungsaktion so
heftig ausfiel, liegt nicht zuletzt an der bezifferten Summe seiner
Sammlung: fünf Millionen Pfund! Doch die – so verriet Corré –
hat er frei erfunden. Die entstandene Publicity gibt ihm Recht. Ohne
die Millionen-Vernichtung wäre wohl kaum so aufgeregt berichtet
worden. Dass der Termin der Verbrennung seiner Punk-Sammlung mit dem
Titel „Burn Punk London“ ebenfalls auf der Homepage des Events
„Punk London“ angekündigt wird, ist da nur eine weitere irre Volte des Ganzen.
(bejblog)

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