27/11/2020

YABBY YOU (1946-2010): im reggae-superschrein

Es ist erschreckend, mit welch schiefen Bildern doch der durchschnittliche Mittel- bis Nordeuropäer (also Typen wie ich) an Reggae herangeführt wird, und wie groß der Erkenntnisschock dann ausfällt, wenn man irgendwann Roots-Reggae von der unhaltbaren Wucht des jamaikanischen Produzenten, Sängers und Texters Yabby You zu hören bekommt. Dagegen wirkt Bob Marley wie Engelbert Humperdinck.

Tatsächlich baute Yabby You a.k.a.Vivian Jackson seine erste Single – das religiös konnotierte „Conquering Lion“ – zu jener Zeit, als Bob Marley langsam aber sicher zum Superstar aufstieg. Das Rezept, mit dem Vivian Jackson auch in den folgenden Jahren seinen Reggae anrührte, war schon damals – 1972 – zu erkennen: Einem stampfenden Sound aus Bass, Drums, Keyboard und spiritueller Inbrunst stellten sich kaum Gitarren in den Weg, so konnte die Wucht direkt an die Membranen (der Lautsprecher und der Ohren) weitergegeben werden. Die Single – in 100er-Auflage gepresst und unter dem Namen Vivian Jackson And The Ralph Brothers veröffentlicht – ging auf Jamaika schneller weg als man „King of Kings, Lord of Lords, Conquering Lion of the Tribe of Judah“ aussprechen konnte. Man fragte sich, wer denn da verdammtnochmal singen würde, und so wurde aus den Textzeilen „Yabby U Yabby U“ schließlich der Künstlername Yabby You.
Über die Jahre entstand bis in die 1980er hinein ein unüberschaubarer Output von Vivian-Jackson-Produktionen. Unzählige Versionen seiner Riddims wurden von Djs und Toastern übersungen und/oder von Dub-Meister King Tubby virtuos in den Remix-Himmel gedopt. Trotzdem wurde Vivian Jackson erst einer breiteren Öffentlichlkeit bekannt, als das britische Reggae-Reissue-Label Blood & Fire 1997 eine umfangreiche Werkschau zusammenstellte: Eine mit fast fünfzig Tracks vollgepackte, feinst-wummerig gemasterte CD-Box namens „Jesus Dread – 1972-1977“.

Der Superschrein des Roots-verankerten Reggae – irgendwo in jener Do-CD-Box mit 47 Songs liegt er verborgen, bzw. genau aus dieser gewaltigen Ansammlung an Roots/Dub/Instumentals hat er sich materialisiert. Willst du, lieber Hörer, ihn finden und denkst, du hast ihn verpasst, weil du gerade ein wichtiges Detail akustisch nicht ganz mitbekommen hast, dann vergiss das Zurückskippen. Denn in den folgenden diversen Versionen wirst du genug Gelegenheit bekommen, dich in alle Einzelheiten dieser unbezwingbar rollenden Riddims hineinzufummeln. So wie die Maler des Fuji jeden Tag immer wieder aufs Neue in den Berg schauen und jedes Mal immer wieder ein anderes Bild aus ihm herausmalen. Und ihnen wird nie langweilig dabei.

Apropos Berg. Darf ich assoziieren? Berg. Bergpredigt. Jesus. Moses. Altes Testament. Ok, schon wären wir am Ziel. Denn anders als der gewöhnliche Rasta von nebenan, ist Yabby You nicht der Ansicht, Haile Selassie wäre der kommende Messiahs gewesen. Da hält er es mehr mit dem Klassiker Jesus Christus als Mittler zum HÖchsten. Und so sind seine Lyrics auch drängende Chants zu Ehren des Neuen und Alten Testaments und zum Bezwingen der alten Hure Babylon. Was, etwas vereinfacht ausgedrückt, auf dasselbe hinaus läuft wie bei den I-Jah-Männern: Babylon Kingdom wird down-ge-chanted, Plagen kommen über diejenigen, die vom rechten Weg abkommen, und überhaupt: „Run Away/ Go Away/ From Sodom and Gomorrha!“ Dabei hat Yabby You oftmals ganz weltliche Probleme jamaikanischen Lebens im Sinn, wenn er bespielsweise über „All that you can see now, the big fishes feeding on the small ones“ chatted. Begleitend dazu zerfallen blasphemische Steinmauern durch King Tubbys Mixkünste augenblicklich zu Staub, Tommy McCooks Saxophon bläst Seele in tote Materie, und DJs wie Dillinger, Trinity oder Tapper Zukie beamen den ein oder anderen Track, vereint mit Dub und Original, in die Zukunft (immer noch!). Man höre das unbegreifliche „Freshly“ von Dillinger an. Die pure Magie von Bass und Drums und Stimme und Phasertechnik, die alles zusammenwummert. Vor 34 Jahren!

Das fast Markus-Evangelium-dicke Booklet von „Jesus Dread“, auf extraverstärktem Glanzpapier gedruckt, vergilbt sicher nicht vor Ankunft des neuen Messiah (hält also ewig) – und war dem verdienstvollen „Blood And Fire“-Label wohl ein weiterer Sargnagel zum Bankrott, denn anscheinend hatte man sich bei der Verpackung und Aufmachung der Do-CD finanziell ein wenig übernommen. Aber für die Tonkunst hat es sich gelohnt! Ein Kompendium aller Facetten jamaikanischen Reggaes aus der Blütezeit 1972-1977: Unwiderstehliche Riddims, drängender Roots-Reggae, gigantische Dubs und futuristische Versions. Ein wahrhaftig beseelter Klumpen Lehm (das lächerliche Wörtchen „Monolith“ habe ich aus meinem Wortschatz verbannt).
Und wer davon nicht genug bekommen kann, der besorge sich bitte Yabby You’s „King Tubby’s Prophecy Of Dub“ (ebenfalls auf Blood & Fire), wo alle wichtigen Yabby-You-Riddims noch einmal mehr durch den Mixmeister Tubby feinfühlig und grobschlächtig zugleich durchgeraspelt werden. Erfüllende Schwerstarbeit für jede Bassmembran.
Leider hat meine Hommage einen traurigen Hintergrund: Vivian Jackson a.k.a. Yabby You starb am 12. Januar 2010 in Clarendon, Jamaika, an einem aufgeplatzten Gehirnaneurysma, wie ich heute erst aus der WIRE erfuhr. Vivian Jackson wurde 63 Jahre alt.
Eine Auswahl klassischer Produktionen von Vivian Jackson habe ich in einem gesonderten Beitrag zusammengestellt.

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