27/11/2020

Yabby You: Vivian Jacksons Roots/Dubs/Instrumentals/Versions

Yabby You – Jesus Dread
1972-1977

Es ist erschreckend, mit welch schiefen Bildern doch der durchschnittliche Mitteleuropäer (also so Typen wie ich) an Reggae herangeführt werden, und wie groß der Erkenntnisschock dann ausfällt, wenn man irgendwann Roots-Reggae von der unhaltbaren Wucht Yabby Yous zu hören bekommt. Denn gegen die geballte Power dieser Tracks wirkt Bob Marley, selbst zu Small Axe-Zeiten, wie Engelbert Humperdinck.

Der Superschrein des Roots-verankerten Reggae – irgendwo in dieser Do-CD-Box mit 47 Songs von Produzent/Sänger/Texter Vivian Jackson a.k.a. Yabby You liegt er verborgen, bzw. genau aus dieser gewaltigen Ansammlung an Roots/Dub/Instumentals hat er sich materialisiert. Willst du ihn finden und denkst, du hast ihn verpasst, weil du ein Deatil gerade akustisch nicht ganz mitbekommen hast, dann vergiss das Zurückskippen. Denn in den folgenden diversen Versionen wirst du genug Gelegenheit bekommen, dich in alle Einzelheiten dieser unbezwingbaren Riddims reinzufummeln. So wie die Maler des Fuji jeden Tag immer wieder aufs Neue in den Berg schauen und jedes Mal immer wieder ein anderes Bild aus ihm herausmalen. Und ihnen wird nie langweilig dabei.

Apropos Berg. Darf ich assoziieren? Berg. Bergpredigt. Jesus. Moses. Altes Testament. Ok, schon wären wir am Ziel. Denn anders als der gewöhnliche Rasta von nebenan, ist Yabby You nicht der Ansicht, Haile Selassie wäre der kommende Messiahs, da hält er es mehr mit dem Klassiker Jesus Christus als Mittler zum HÖchsten. Und so sind seine Lyrics auch drängende Chants zu Ehren des Neuen und Alten Testaments und zum Bezwingen der alten Hure Babylon. Was, etwas vereinfacht ausgedrückt, auf dasselbe hinaus läuft wie bei den I-Jah-Männern: Babylon Kingdom wird down-ge-chanted, Plagen kommen über diejenigen, die vom rechten Weg abkommen, und überhaupt: „Run Away/ Go Away/ From Sodom and Gomorrha“! Dabei hat Yabby You oftmals ganz weltliche Probleme jamaikanischen Lebens im Sinn, wenn er bespielsweise über „All that you can see now, the big fishes feeding on the small ones“ chatted. Begleitend dazu zerfallen Steinmauern durch King Tubbys Mixkünste augenblicklich zu Staub, Tommy McCook bläst Seele in tote Materie, und DJs wie Dillinger, Trinity oder Tapper Zukie beamen den ein oder anderen Track, vereint mit Dub und Original, in die Zukunft (immer noch!). Man höre das unbegreifliche „Freshly“ von Dillinger an!

Das fast Markus-Evangelium-dicke (na ja, äh, fast) Booklet, auf extraverstärktem Glanzpapier gedruckt, vergilbt sicher nicht vor Ankunft des neuen Messiahs (hält also ewig) – und kostete dem verdienstvollen Blood And Fire-Label fast die Existenz, denn anscheinend hatte man sich bei der Verpackung und Aufmachung der Do-CD finanziell ein wenig übernommen. Aber es hat sich gelohnt! Ein Kompendium aller Facetten von jamaikanischem Reggae aus der Blütezeit 1972-1977: Unwiderstehliche Riddims, drängender Roots-Reggae, gigantische Dubs und futuristische Versionen. Ein wahrhaftig beseelter Klumpen Lehm (das Wort Monolith habe ich aus meinem Wortschatz verbannt).

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