27/11/2020

MOUNTAIN MUSIC OF KENTUCKY: tapetenmuster in bruchbuden gottes

Nachdem mir in den letzten Monaten immer wieder Roscoe Holcombs Gesang unvergesslich im Ohr sirrte, musste ich mir dann noch seine restlichen Aufnahmen auf Folkways besorgen, die auf der Do-CD-Zusammenstellung „Mountain Music Of Kentucky“ zu finden sind. Und das, liebe Freunde der Musik, war dann mal wieder ein weiterer Oberknaller mit Erkenntnisgewinn! John Cohen fragte sich 1959 durch Kentucky durch und nahm diverse Musikanten und Sänger auf. Darunter Holcomb, Bill und J.D. Cornett, ein gewisses Ehepaar namens Mr. & Mrs. Sams, das auch auf dem Cover abgebildet ist (ja, so sehen meine momentanen musikalischen Helden aus!), und noch diverse andere Musiker, Solo-Sänger und Gottesdienst versehende Gemeindemitglieder der Holiness Pentecostal Church. Banjo, Gitarre, Instrumentals, Gesang, kratzige Fiddles, hochemotionale Gospels. Der alte religiös-mystische Kram wird mir gegeben – und er ist gut genug für mich!

Ein Track wie „Jawbone“ – wer macht sowas heute? Ein komplexer, in gegenläufigen Rhythmen explodierender, einminütiger Song, 1957 in John Cohens Tonband eingespielt von einem Typen namens Willie Chapman, der auf dem winzigen Foto im Booklet des Albums aussieht wie ein Tanzlehrer, der in Sonntagsklamotten den ersten vorsichtigen Ausfallschritt demonstriert, aber nie und nimmer wie jemand, der im Prinzip die scheinchaotische Struktur der besten Beefheart-Musik auf dem Solo-Banjo vorwegnimmt – und sich dabei auf das Banjospiel der afrikanischen Sklaven („Early slave-style banjo picking and timing“ – so das Booklet) bezieht. Was mir als altem Beefheart-Addict wieder ungeahnte Türen öffnet. Überhaupt bin ich mir fast sicher, dass Beefheart damals dieses Album gekannt haben muss. Ich finde einige Parallelen in seiner Musik hier wieder. Aber das muss ich nochmal sammeln und analysieren. Bis dahin verbleibe ich verloren in archaischer Musik.

Das Booklet zu „Mountain Music Of Kentucky“ beeinhaltet detaillierte Texte zur Musik, den sozialen Kontexten ihrer Entstehung, kurzen Musikerbiografien und herausragenden Fotos aus dem Leben in den Appalachen: Tranceartige Gottesdienste in niedrigen Bruchbuden mit irren Tapetenmustern, die sich über die ganze Fläche von Wand und Decke spannen und wellen; Sandwehen, die die Straße hoch wirbeln und spielende Kinder zwingen, ihnen den Rücken zuzudrehen; Mr. & Mrs. Sams & Kind & Kegel auf der Holzveranda; Holcombs Familie auf der ihrigen; Männer und Frauen bei der Feldarbeit; ein Junge mit selbstgebautem Banjo und Keksdosenresonator; zwei erschöpfte Kohlekumpel stützen sich auf ihre Spitzhacken. Das letzte Foto zeigt nur zwei Stühle auf der Holzveranda, zwei leergetrunkene Tassen stehen ineinander gestapelt auf dem Geländer. Keiner mehr da.

Booklet als freier, legaler PDF-Download.

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