28/10/2020

BASIC CHANNEL + RHYTHM & SOUND: vom historischen knacken und rauschen

Dub fasziniert seit Jahrzehnten: Fernsehmechaniker, Hifi-Ingenieure und Elektriker separieren Soundpartikel setzen Stimmen ausser Kraft, um sie nach Belieben wieder in die Tracks einfahren zu lassen wie das Donnergrollen launiger Götter oder schnibbeln gar Tonbänder auseinander, als wären sie Bourroughs und Frankenstein in einem.

Nach/Mit Dub bog Reggae zum digitalen Riddim ab und parkte mit laufendem Motor mitten auf der Dancehall. Heute werden Riddims in das Notebook getragen und dürfen Großstädte visionieren. Lustigerweise geht Clubmusik, die sich an Reggae anlehnt, immer den gleichen Beats-per-minute-Weg, aus dem heraus sich aus Ska und Bluebeat auch Reggae entwickelt hat: von schnell zu langsam. Das war im sehr Reggae-beeinflussten Early NYC-Rap so, wie auch bei Jungle und DnB, das zum langsamen und einsamen Gigantomaniegefummel-Monster von Autoren-DnB mutierte – wo durchaus mal zwei Monate an einem Break gebastelt wurde (daher wahrscheinlich die düstere Stimmung, denn ewiges Gefrickel drückt aufs Gemüt) – bis schließlich Reggae über Dubstep verändert zu sich zurückfand, indem letzteres sich wieder so verlangsamte, dass es sowohl den Sound zum Cluberlebnis als auch zum zwischen aufgeputschter und leicht depressiver Leere pendelndem Zustand taugte, der einen am Morgen nach dem Cluberlebnis erfassen kann.

In diesen Zonen zwischen Mind’n’Matter, zwischen Gedankenschwebe und Körpergefühl, oszillieren auch seit mehr als einer Dekade die Sounds der Berliner Techno’n’Dub-Dependance Basic Channel und Rhythm & Sound. Ist ersters eher das Label für von schwarz gekachelten Wänden abgestrahlte Techno-Echos, wird als Rhythm & Sound der Liebe zum Reggae, der Stille zwischen den Sounds und der federnden Schwere eines skelettierten Riddims gefrönt. Herausragend an der Arbeit von Rhythm & Sound ist die Virtuosität, mit der sie kleinste faszinierende Teilaspekte jamaikanischer Musikkultur zum Ausgangspunkt nehmen, um aus ihnen geschichtsbewusste elektronische Sounds zu generieren. Denn so leer der Raum zwischen den Tönen aus Rhythmus und Sound auch sein mag (ja, sein mag, denn dieser Raum ist nie wirklich leer), er ist immer mit Geschichte belegt. Welche Geschichte er erzählt, lässt sich aus seinen benachbarten Tönen ableiten, so wie Energie selbst ebenfalls nie fassbar ist, sondern nur an seiner Wirkung (auf Mind wie auf Matter) zu erkennen ist.

Auf ihren Tracks schreiben Rhythm & Sound einen sehr genauen Text, in der Teile der jamaikanische Geschichte eingeschrieben sind. So findet sich das typische Klacken von faszinierend minderwertigem Vinyl jamaikanischer Single-Pressungen im Rauschen und Knacken vieler Veröffentlichungen von Basic Channel und Rhythm & Sound wieder.

Hörbeispiele für die neueste CD der Basic-Channel-Crew sind z.B. auf dem Hypnotic Breaks-Blog zu finden. Rhythm & Sound kann man hier beim eleganten Klopfen und Hallen zuhören.

In der WIRE vom Oktober 2003 erschien ein ausführlicher Artikel über Moritz von Oswald und Mark Ernestus, die Hintergrundakteure von Basic Channel/ Rhythm & Sound. Um ihre Geschichte nicht nur auf Gesagtes zu reduzieren, geben die beiden zwar sehr freundliche und auskunftsfreudige Interviews, jedoch ist es Journalisten nicht erlaubt, diese Interviews aufzuzeichen. Es zählen nicht die Fakten, sondern ihre Wirkung.

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