26/09/2020

KUCHEN MEETS MAPSTATION: brummkörperbalance



Kuchen meets Mapstation (2003)

Ihr wisst schon, diese Menschen, die sich auf Bühnen, in Galerien, Museen, Theatern und Clubs an Holztischen sitzend über Laptops beugen wie über Glaskugeln, konzentriert alles das machen, wofür man eigentlich garantiert keinen Eintritt zahlen würde, weil es so sterbensöde und publikumsabgewandt aussieht wie anhört. Diese fazinierend stinknormalen Langeweiler interessierten uns Musikinteressierte so von 1997 bis 2004.

Das ist erstaunlich genug, denn sie brachten eigentlich nur Brummen und Klicksen aus ihren kleinen leuchtenden Apparaten hervor. Es war ein einfacher Deal: Die Laptopper verzogen keine Miene, während sie an ihren Spielzeugen Tasten drückten, im Gegenzug kauften wir Musikbegeisterten uns ihre Musik. Wir sprachen über Abstraktionen und serielle Klänge. Wir lasen Interviews mit den Knisterbrüdern und –schwestern und labten uns an der schöntheoretisierten Ödnis ihrer ernsthaften Worte. Ich glaube, was wir am wenigsten taten, war ihre Musik auch nur zweimal zu hören.

Irgendwann kamen ein paar Laptopper auf die Idee, ihre Pieps-, Brumm- und Klickgeräusche mit analogen Instrumenten zusammenzuschalten. In den meisten Fällen war das zwar auch nicht besser als vorher, aber es gab ein paar Tastendrücker, die dadurch ihre Musik in eine gar nicht langweilige Brumm-Balance zu bringen imstande waren.

Und davon haben sich ein paar Klänge gehalten in meiner Erinnerung, sind eingeflossen in meinen persönlichen Kanon nachhaltig beeindruckender Musik. Und auch wenn ich der einzige Mensch auf diesem oder auf einem anderen Planeten sein sollte, dem das so geht: Was sich gehalten hat ist „Kuchen meets Mapstation“.

Auf einschlägigen „Kuchen meets Mapstation“-Websites kann man nachlesen, dass Mapstation eigentlich Stefan Schneider heißt, andere sehr gute Mapstation-Platten gemacht hat (stimmt!), und auch mit To Rococo Rot prima in ähnlich angedubbten Gewässern fährt (stimmt auch!). Ebenfalls erfährt man, dass Kuchen bei den Pale Saints spielte und eigentlich Meriel Barham heißt. Aber um ehrlich zu sein, kann man selbst auf dem „Karaoke Kalk“-Label, wo „Kuchen meets Mapstaion“ herauskam, nichts mehr über Kuchen oder Mapstation erfahren.

Anstatt uns in biografischen Details zu ergehen, konzentrieren wir uns also lieber auf die Musik. Und die ist – das ist ihr großes Plus – sehr körperlich. Sie schwingt um eine dreidimensionale Achse und bleibt dabei ständig veränderlich. Man merkt ihr an, dass sie von Leuten gemacht wurde, die sich am Reggae geschult haben. Die wissen, dass einer elektronischen Fläche eine Physis gut tut, und dass man jene als Hörer besonders dann gut spürt, wenn sie ab und an von Bässen zart aber bestimmt durchblubbert wird. Kuchen zieht dazu ihre Gitarre in die Tracks hinein, lässt sie fast unmerklich herumschlängeln oder singt gar mantraartig immer wieder einen Satz, dem sicher auch der ein oder andere Aasfresser zustimmen würde: „I like your bones. I like your bones. I like your bones.“

Und mögen wir nicht alle unsere Knochen und die Knochen unserer Liebsten ebenfalls, weil wir doch ohne ihre Unterstützung unweigerlich zu Fleischklumpen zusammenfallen würden? Ja, das tun wir. Und so können wir alle ohne das geringste schlechte Gewissen unseren Bewegungsapparat die sehr speziell schwingende Elektroakustik von Kuchen und Mapstation in sich aufnehmen lassen. Denn das kommt ja auch uns als Gesamtorganismus zugute.

Mein Bewegungsapparat jedenfalls dürstet es auch sieben Jahre nach Erscheinen von „Kuchen meets Mapstation“ immer noch und immer mal wieder nach dieser Musik, besonders dann, wenn der Rest meiner Wenigkeit partout nicht weiß, was er jetzt hören möchte. Es ist schön, wenn man sich auf die Entscheidungen von Körperteilen verlassen kann.

Kuchen
meets
Mapstation
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